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Vampire Diaries Fanfiction "Forever the light"

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1 Vampire Diaries Fanfiction "Forever the light" am Mi März 28, 2012 4:13 pm

Kapitel 1: Erinnerungen
Liz gähnte und tastete mit geschlossenen Augen im Halbdunkel nach ihrem Wecker.
Endlich spürte sie das kleine, nervtötende, seit geschlagenen 10 Minuten klingelnde Etwas zwischen ihren Fingern. Grummelnd schnappte sie den Wecker von ihrem Nachttisch und konzentrierte sich darauf, den kleinen „Stop“-Knopf auf dem Weckerrücken zu finden. Schließlich ertasteten ihre Finger die rettende Erlösung und nach einem Druck auf den Knopf und einem kaum vernehmbaren „Klick“ verstummte er.
Sie seufzte erleichtert auf und kuschelte sich gerade wieder unter ihre Bettdecke als sie die Schritte ihrer Mutter auf dem Flur hörte. „Liz? Du solltest dich langsam fertig machen. Wir fahren gleich.“ Liz stöhnte und zog mit einer raschen Bewegung ihre Bettdecke weg. Rasch schlüpfte sie in ihre wollig weichen und vor allem warmen Hausschuhe. Das einzige Überbleibsel an Komfort, denn in den letzten Tagen glich ihr Zimmer eher einer Lagerhalle als ihrem ehemals schönen Zimmer. Überall standen Kartons. Die Möbel waren in Schutzfolie verpackt und in eine Ecke geschoben worden. Die Wände kahl und an der Decke hing nur noch eine einfache Glühbirne. Sie freute sich schon darauf bald wieder in einem richtigen Zimmer zu schlafen, auch wenn ihr die Begleitumstände nicht sehr gefielen. Wobei… eigentlich war das auch egal. Diese Kleinigkeiten, so viele es auch sein mochten, konnten nicht den Schaden beheben, denen die letzten Wochen und Monate ihr zugefügt hatten. Mit glasigem Blick schaute Liz aus ihrem Fenster hinaus in den Vorgarten. Dort standen schon die Umzugswagen und die Möbelpacker waren eifrig dabei ihr ehemaliges Leben, in Kisten verpackt, auf die Ladefläche zu hieven. Auch ihre Mutter lief immer wieder von der Haustür zum Umzugswagen und beobachtete argwöhnisch, wie sie nun einmal war, dass die Arbeit richtig gemacht und nichts beschädigt wurde.
Liz ging zu einer der Umzugskisten in ihrem Zimmer und zog einige Klamotten heraus. Schnell streifte sie zum Schluss ein großes Footballshirt über, welches sie einmal von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte. Sie konnte sich noch so genau daran erinnern, als ob es gestern gewesen war. Es war einer der wenigen Tage gewesen, an denen ihr Vater nicht arbeiten musste.
Er hatte sie und ihre Mutter zu einem Footballspiel mitgenommen. Danach waren sie in ihrem Lieblingsrestaurant essen gewesen. Hatten gelacht und Spaß gehabt. Das war nun schon so lange her. In letzter Zeit hatte keiner mehr gelacht. Ihre Eltern hatten sich nur noch gestritten und dann eines Tages riefen sie sie ins Wohnzimmer wo schon mehrere Koffer bereit standen. Ihr Vater in seinem Mantel. Liz hatte ihn umarmt und war dann wieder auf ihr Zimmer gegangen. Sie hatte nicht geweint. Irgendwie war es ihr schon klar gewesen. Unten hatte sie die Haustür gehört und anschließend den Wagen ihres Vaters, wie er die Einfahrt verließ und schließlich die Straße hinunter fuhr und nie wieder kam. Ihre Mutter hatte sie die ganze Nacht in ihrem Zimmer weinen gehört. Am nächsten Tag hatte sie schrecklich erschöpft ausgesehen. Die Augen blutunterlaufen und schwarze Ringe darunter. Nun schwiegen sie sich größtenteils an. Wenn gesprochen wurde, dann nur belanglose Floskeln. Liz war ihrer Mutter nicht böse. Sie hasste sie auch nicht, aber irgendwie gab es nichts mehr, über das sie reden wollte.
Sie schlüpfte aus ihren Hausschuhen und in ihre alten ausgelaufenen Turnschuhe. Ihre Lieblingsschuhe. Die Hausschuhe sowie allen anderen Kram, welcher noch nicht in Kisten und Tüten verpackt war, stopfte sie in einen großen blauen Plastiksack. Sie öffnete die Tür, schnappte sich ihre Tasche von der Klinke und ging hinunter in den Flur durch die Haustür hinaus in den Garten. Ihre Mutter kam ihr gerade von einem ihrer Kontrollgänge entgegen. „Ich bin fertig“, sagte Liz und ihre Mutter lächelte. „Gut. Du kannst dich schon mal ins Auto setzen. Es fehlt nur noch dein Zimmer, dann können wir fahren.“ Liz nickte und setzte sich auf den Beifahrersitz des roten Fords ihrer Mutter. Durch die Scheibe beobachtete sie teilnahmslos wie die Möbelpacker ihre Kisten, ihre Schränke und schließlich ihr Bett durch die Haustür und in den Transporter schleppten, schließlich die großen Türen schlossen und ein paar kurze Worte mit ihrer Mutter wechselten. Kurz darauf kam ihrer Mutter auch schon auf ihr Auto zu. „Möchtest du dir noch einmal das Haus ansehen bevor wir fahren?“ „Nein“, sagte Liz und drehte ihr Gesicht von dem ihrer Mutter weg. Ihre Mutter seufzte ging ein letztes Mal zum Haus und verschloss die Tür. Danach warf sie den Schlüssel in den Briefkasten, stieg ohne ein weiteres Wort in das Auto und fuhr los.
Bevor sie mit ihrem Auto um die Ecke bogen, blickte Liz ein letztes Mal zu ihrem Haus zurück. Dann schloss sie die Augen.

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2 Kapitel 2: Am Ende kommt der Anfang am Mi März 28, 2012 4:14 pm

Kapitel 2: Am Ende kommt der Anfang
Sie spürte wie das Auto stoppte. Langsam öffnete sie die Augen und blickte sich um. Der Tag näherte sich seinem Höhepunkt und die Sonne stand an ihrem höchsten Punkt hoch am Himmel. Sie stellte erleichtert fest, dass es in Mystic Falls wesentlich kühler war als bei ihr Zuhause. Vielmehr ihrem alten Zuhause. Sie hatte die ständige Hitze nie gemocht. Schon gar nicht den Sonnenbrand, welchen sie wegen ihrer empfindlich hellen Haut ständig bekommen hatte. Der Sommer war immer eine einzige Qual gewesen. Sie mochte den Frühling eindeutig lieber. Es war nicht ganz so heiß, aber immer noch warm genug um ohne Jacke raus zu gehen. Obendrein erblühten alle möglichen Pflanzen, die Bäume wurden wieder grün und das Leben schien wieder ein wenig mehr Farbe zu bekommen. Mystic Falls schien selbst im Sommer frühlingshaft zu sein. Überall grünte und blühte es.
Liz blickte die Auffahrt, auf der das Auto stand, hinauf und sah das Haus, welches ihre Mutter ihr schon auf diversen Fotos versucht hatte schmackhaft zu machen. Es war recht hübsch, das musste sie zugeben. Die Veranda war ausladend und aus einem schönen dunklen Holz gefertigt. Das Haus selbst war in einem sehr hellen Blassrosa gestrichen und hatte ein Ziegeldach. Mit den kleinen Rosenbüschen und den Bäumen vor und hinter dem Haus wirkte es richtig idyllisch. Lis stieg aus dem Auto aus und lief die Auffahrt hinauf zur Haustür. Ihre Mutter kam ihr aus dem Flur entgegen und lächelte sie breit an. „Ist das nicht wunderschön?“ Liz nickte und tat so, als ob sie sich auch freuen würde. Doch ihr Lächeln war nicht echt. Ihre Mutter ging an ihr vorbei zu den Umzugsleuten, die gerade mit ihren Lastern vor dem Haus gehalten hatten. Liz wartete einige Minuten und beobachtete, wie die Möbelpacker sich daran machten, ihre ganzen Sachen wieder auszuladen und ins Haus zu schleppen. Dann holte sie ihre Tasche aus dem Auto und ging herüber zu ihrer Mutter, welche erneut die Umzugsleute bei ihrer Arbeit überwachte. „Ich werd mich ein wenig umsehen“, sagte Liz knapp und ging schon die Auffahrt hinunter, als sie ihre Mutter ein herzhaftes „Viel Spaß“ hinterherrufen hörte. Sie drehte sich nicht um, kramte ihren Ipod aus der Tasche und steckte sich die Kopfhörer in die Ohren.
Liz ging planlos die Straßen rauf und runter. Ohne wirkliches Ziel. Sie wollte einfach nur für sich sein. Mystic Falls war mehr ein Dorf als eine Stadt. Hier und da gab es Geschäfte. Sie sah ein Schild mit „Mystic Grill“ darauf. Die Menschen waren wahrlich einfallslos, wenn es um Namen für Kneipen und Restaurants ging. Sie hörte Musik als sie daran vorbei ging. Weiter die Straße rauf kam sie an einem großen Gebäude vorbei. Die High School von Mystic Falls. Ihre neue Schule. Sie seufzte bei dem Gedanken am Montag wieder in die Schule gehen zu müssen. Hinter der Schule ließ sich ein riesiger Sportplatz erkennen. Sie ging weiter. Allmählich wurden es weniger Häuser und schließlich erblickte sie den Beginn eines Wäldchens. Abseits der Straße stand ein Schild mit einer Karte von Mystic Falls. Liz versuchte sich an ihren Weg zu erinnern, den sie in den letzten Stunden genommen hatte und suchte ihre „neue“ Straße auf der Karte. Schließlich hatte sie sie ein gutes Stück von ihrem momentan markierten Standpunkt gefunden. Sie hatte wie es schien ganz Mystic Falls durchquert. Es war nur etwas seltsam, dass sie keiner Menschenseele auf ihrem Weg begegnet war.
Auf der Karte konnte sie erkennen, dass Mystic Falls von einem riesigen Wald umgeben war, an den sich ein Gebirge anschloss. Liz blickte die Straße zurück, die sie bis dahin genommen hatte. Dann ging sie in den Wald.
Sie nahm keinen Trampelpfad. Es gab keinen. Die Bäume ragten majestätisch aus dem Waldboden in die Höhe und mit jedem Schritt mehr in den Wald raubten sie das Tageslicht. Liz sog den Geruch des Waldes in vollen Zügen ein. Die Mischung aus Moosen, Bluten und Harz war überwältigend. Immer tiefer und tiefer trugen sie ihre Schritte in den Wald hinein. Hin und wieder stolperte sie über am Boden liegende Steine und Äste und sah und hörte wie Tiere vor ihr flüchteten. Mit der Zeit wurde der Boden steiniger und weniger bewachsen. Schließlich erreichte sie einen kleinen Steinstrand am Ufer eines Sees. Das Wasser glitzerte und spiegelte das Licht der Sonne in tausenden kleinen Diamanten wieder. Der See war so groß, dass Liz gerade so das andere Ufer sehen konnte. In der Mitte des Sees befand sich eine winzige Insel. Ein kleines Paradies. Ein Stück das Ufer runter wandelte sich der Strand zu einer Steinlandschaft und eben einer dieser Steine bildete ein kleines Plateau, welches auf den See hinaus ragte. Sie zurrte ihre Tasche fest und kletterte vorsichtig von Stein zu Stein, bis sie schließlich ihren Fuß auf das Plateau setzte. Es war nicht sehr hoch, aber hier fühlte sie sich endlich einmal fern von all den Menschen.
Liz atmete tief ein und aus und spürte die kühle Brise des Sees auf ihrer Haut. Hier könnte sie ewig bleiben. Sie setzte sich an den Rand des Plateaus, so dass sie direkt hinunter auf den See blicken konnte. Sie blickte in das Gesicht des Mädchens, das sich unter ihr spiegelte. Sie hatte dunkelbraune lange teilweise gelockte Haare, blaue Augen und eine kleine Stupsnase. Das Mädchen blickte mit einem kaum zu beschreibenden Ausdruck zu ihr hinauf. Es war weder Trauer, noch Wut. Die Augen wirkten leer und kühl. Leblos.
Liz packte einen kleinen Kiesel auf dem Plateau und lies ihn ohne einen weiteren Blick direkt auf das Mädchen im See plumpsen. Es platschte, dann verwuschen die kleinen Wellen ihr Spiegelbild.
Sie zog sich wieder ein wenig mehr in die Mitte des Plateaus zurück und zog einen Block und eine Federmappe aus ihrer Tasche.
Mit der Zeit sank die Sonne gen Horizont und der Himmel färbte sich mehr und mehr blutrot, während Liz schweigend auf dem Plateau saß und zeichnete. Sie zeichnete die Bäume, den See, die Steine, die Vögel, welche sich nach einiger Zeit wieder trauten auf den umliegenden Bäumen zu landen. Einmal begann sie planlos ein menschliches Gesicht zu malen. Als sie schließlich ihre Zeichnung im Ganzen betrachtete, fiel ihr auf, dass sie ihre ehemals beste Freundin Mary gezeichnet hatte. Sie riss das Papier aus dem Block heraus und starrte es mehrere Minuten lang nachdenklich an. Schließlich riss sie es in tausende kleine Schnipsel und warf es in die Luft, so dass der Wind sie weit auf den See hinaus trug, bis sie schließlich ich das kühle Nass fielen, dort einige Sekunden auf der Oberfläche schwammen und bald darauf endgültig von dem eisigen Nass verschluckt wurden.
Liz schaute auf ihre Handyuhr. Es war bereits weit nach 9 Uhr. Sie würde in stockdunkler Nacht nach Hause kommen, wenn sie sich nicht beeilte. Ihr machte die Dunkelheit und auch der Wald nichts aus. Zwar hätte sie einige Probleme den Weg zurück zu finden, und dass nicht nur auf Grund ihres außerordentlich schlechten Orientierungssinnes, jedoch würde sie sich wahrscheinlich eine ellenlange Predigt von ihrer Mutter anhören müssen. Auch wenn sie das ebenfalls nicht sehr störte. Sie würde die Sache einfach aussitzen. Stumm, bis ihre Mutter fertig war.
Trotzdem wollte sie sich langsam wieder auf den Rückweg machen. Sie hatte außer einigen Schokokeksen, welche sie noch in ihrer Tasche gefunden hatte, nichts gegessen und ihr Magen begann allmählich merklich zu grummeln. Sie schritt noch ein letztes Mal an den Rand des Plateaus und blickte in das nunmehr tiefschwarze Nass unter sich.
Würde sie jemand vermissen, wenn sie einfach hinein springen würde? Vielleicht wäre es besser so. Einfacher. Dann müsste sie sich keine Gedanken mehr über Alles machen. Die Probleme würden mit der zunehmenden Kälte ihres Körpers einfach verschwinden. Sie stoppte die Musik ihres Ipods und legte ihre Sachen auf dem Plateau ab. Dann zog sie ihre Schuhe und Socken aus und stand nun mit ihren bloßen Füßen auf dem kalten Stein. Sie schloss die Augen und streckte die Arme zu beiden Seiten von sich. Spürte die Umarmung des Windes, das kühle, harte Stück Fels unter ihren Zehen. Hörte das Rauschen des Windes durch die Blätter des Waldes, die Wellen des Sees. Das Pfeifen und Knarren der Äste und Bäume, das unaufhaltsame Vogelgezwitscher, das Fiepen und Quieken, das Tapsen und Flattern. In diesem einen Moment fühlte sie nur den Wald, die überwältigende Natur, keinen Schmerz, keine Probleme. Für diesen einen Moment fühlte sie sich wieder einmal richtig frei. Mehr wie sie früher gewesen war. Mehr wie vor den ganzen Problemen und Diskussionen. Wie gern würde sie mit ihrem damaligen Ich die Rollen tauschen. Mehr dort sein als hier. Alles vergessen.
Plötzlich hörte sie weit entfernt ein lautes Knacken. Ein unheimliches Grollen schien von der anderen Seite des Sees zu kommen. Liz kniff die Augen zusammen und erahnte zwei Gestalten in den Schatten der Bäume. Sie bewegten sich schnell. Viel zu schnell. Es waren augenscheinlich zwei Kreaturen, keine Menschen, soviel konnte sie ausmachen, nachdem sie die eindeutig unmenschlich schnellen Bewegungen und Körper erkannt hatte. Was würde passieren, wenn sie die beiden bemerkten würden? Ihr Nacken kribbelte. Langsam tastete sie sich wieder weiter an den Rand des Plateaus und drohte nun hinunter zu fallen um die beiden Wesen besser sehen zu können. Ein drittes schwarzes Etwas schoss aus dem Wald heraus und stürzte sich nun gemeinsam mit der kleineren der beiden anderen Gestalten auf das Große. Gejaule und Schmerzensschreie hallten über den See hinüber und Liz lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, als sie sich die Situation ausmalte. Dann schaffte es das große Wesen anscheinend durch einen Trick einen der Kleineren zu verletzen und floh, als dies sich vor Schmerz am Boden krümmte. Das andere kleine Etwas sprang zu seinem verletzten Gefährten und versicherte sich offensichtlich, wie schwer es um ihn stand. Nach einigen Minuten der Stille huschte es schließlich dem großen Etwas in den Wald hinterher, die Jagd wieder aufzunehmen.
Liz richtete ihre Aufmerksamkeit nun vollkommen auf das verletzte Geschöpf, welches sich immer wieder am Boden krümmte und wand. Die Schmerzensschübe wurden merklich kürzer und weniger und schließlich erhob sich das Wesen, als sei es nie verletzt gewesen. Es hatte eine merklich menschliche Statur, das konnte jedoch nicht sein. Nicht so, wie es eben noch mit den anderen gerungen hatte. Diese Kraft konnte ein Mensch nicht besitzen. Auch nicht diese Schnelligkeit. Liz versuchte sich noch weiter zu tasten, als sie spürte wie der Fels unter ihr nachgab. Hastig nahm sie mehrere Schritte zurück und hörte das laute Platschen, als Teile des Plateaus in den See krachten. Sie blieb stocksteif stehen und blickte zum anderen Ufer und der Kreatur hinüber. Zwei Funken eisigen Blaus blitzen über den See, während das Wesen den Auslöser für das Getöse suchte. Liz hielt die Luft an. Sie wollte diesem Wesen unter gar keinen Umständen begegnen. Nach einigen endlosen Minuten huschte das Wesen ebenfalls in den Wald. So schnell wie es gekommen war, war es auch wieder verschwunden. Liz packte hektisch ihre Sachen zusammen. Verzweifelt versuchte sie ihre Schuhe zu binden, doch ihre Hände zitterten so sehr, dass sie es nicht fertig brachte, einen Knoten zu machen. Schließlich ließ sie sie offen, griff nach ihrer Tasche, dem Block, der Federmappe und ihrem Ipod und kletterte so schnell sie es vermochte das Plateau hinunter.
Mit ihren schwitzigen Händen rutschte sie immer wieder von den glatten Felsen ab, bis sie endlich den sicheren Boden unter sich spürte. An ihre Sachen geklammert rannte sie durch den Wald, versuchte sich an den Weg zu erinnern, während ihr die Nacht und der Wald die Sicht raubten.

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3 Kapitel 3: Glauben und Wissen am Mi März 28, 2012 4:17 pm

Kapitel 3: Glauben und Wissen
Liz schreckte hoch. Verschwommen erahnte sie den Raum, in dem sie sich befand. Er war vollgestellt mit Kisten und Möbeln. Überall lagen Kleinigkeiten verstreut. Ihre Tasche und Kleidung vom Vortag lagen zusammengeknüllt am Boden vor ihrem Bett. Sie musste sich sofort schlafen gelegt haben, sonst hätte sie sie sicherlich weggeräumt. Sie musste erschöpft gewesen sein. Ihre Füße schmerzten. Sie versuchte aufzustehen und setzte sie auf dem weichen Teppich ab, welcher den Boden ihres neuen Zimmers bedeckte. Er war in einem dunklen Rot gehalten. Ihrer Lieblingsfarbe. Als ihre Sohlen den weichen Flaum berührten und sie beim Aufstehen ihr Gewicht darauf stützte, brannten sie wie Feuer. Zu schwach um sich noch länger den anhaltenden Schmerzen in ihren Füßen auszusetzen, ließ sie sich wieder auf ihr Bett fallen. Nach einer kurzen Erholung begutachtete sie die Unterseiten ihrer Füße. Sie waren von einer schmutzigen Kruste aus Dreck und....!Blut bedeckt. Auch konnte sie etliche Blasen darunter erkennen, welche bereits dick und eitrig waren. Die Zeichen ihrer nächtlichen Flucht aus dem Wald waren nicht zu übersehen. Vorsichtig setzte sie erneut ein wenig Gewicht auf ihre Füße. Irgendwann würde sie ohnehin aufstehen müssen, also konnte sie auch gleich damit anfangen sich an den Schmerz zu gewöhnen. Sie atmete mehrmals kräftig ein und aus. Das hatte sie mal bei einem Schwangerschaftsvorbereitungskurs im Fernsehen gesehen. Es sollte angeblich die Schmerzen der Wehen lindern. Einen Versuch war es wert. Immer mehr kontrollierte sie die ein- und ausströmende Luft, welche ihre Lungen begierig einsogen um sie schließlich wieder frei zu geben. Ihr Kreislauf beruhigte sich langsam aber stetig und mit der Zeit verschwand der Schmerz in ihren Füßen, bis nur noch ein unangenehm starkes Pochen zurück blieb, welches ihr jedoch jedes Mal durch Mark und Knochen ging. Zaghaft setzte sie einen Fuß vor den anderen. Der erste Schritt war der schlimmste. Ein unbeschreiblicher Schmerz schoss durch ihren rechten Fuß, durch ihr Bein und lähmte ihre rechte Körperhälfte. Sie versuchte sich mit der Atemübung zu fangen und tatsächlich, es funktionierte. Der nächste Schritt ging um einiges leichter und so gelangte sie schließlich in das kleine Badezimmer, welches an ihr Zimmer grenzte.
Es hatte eine kleine Eckdusche, eine Toilette und ein Waschbecken und war in einem eisigen Blau gekachelt. Eisig blau. So wie die beiden Lichter am See. Liz lief ein Schauer über den Rücken, als sie sich an den letzten Abend zurück erinnerte. Die Angst kroch ihr augenblicklich erneut in die Glieder und sie musste sich am Waschbecken abstützen, so sehr zitterten ihre Beine. Als sie sich wieder gefasst hatte, stieg sie vorsichtig in die Dusche.
Das Wasser war eine richtige Wohltat. Das warme Nass erwärmte ihren Körper und ihre Seele und sie dachte erneut über die gestrigen Geschehnisse nach. Nun mit einem klareren Kopf. Was auch immer diese Geschöpfe gestern gewesen waren, sie waren nicht menschlich. Sie ähnelten auch nicht im Entferntesten irgendeiner Tierart die sie kannte. Es waren ganz und gar seltsame Tiere gewesen. Nicht von dieser Welt. Diese Geschwindigkeit. Diese Kraft. Diese blauen Augen. Ja, es mussten Augen gewesen sein, da war sich Liz sicher. Nichts anderes passte. Das Wesen hatte direkt zu ihr hinübergeblickt, sie aber zum Glück dank der Dunkelheit und der Entfernung nicht gesehen. Sie wollte sich nicht ausmalen was dann passiert wäre. Sie sah schon die Schlagzeilen: "Teenager von wildem Tier zerfleischt!" Nein, lieber nicht. Eher wär sie gesprungen und im See ertrunken, wobei die Aktion ihr jetzt recht dämlich vorkam. Das Plateau war weder hoch, noch der See tief genug gewesen, als dass eines von beiden ihr den sicheren Tod gebracht hätte.
Sie drehte das warme Wasser der Dusche ab und ließ nun das eiskalte auf ihre Haut hinab prasseln. Klinken bohrten sich in ihre Haut als die Tropfen ihre Haut berührten. Auf einen Schlag war sie richtig wach. Sie griff nach dem großen Handtuch, welches sie an einem Haken an der Wand entdeckt hatte und wickelte sich fest darin ein. Warm verpackt machte sie sich auf den schmerzenden Weg zurück in ihr Zimmer. Ihre Füße brannten nun nicht mehr ganz so stark, nachdem die harte, blutige Kruste erst einmal nicht mehr auf die entzündeten Stellen drückte. Sie blieb stehen. Links von ihr hing ein großer Spiegel direkt über dem Waschbecken. Von der warmen Dusche war er ganz beschlagen und sie konnte ihre Figur nur verschwommen erkennen. Umnebelt von Wasserdampf. Sie befreite ihre Hand aus dem warmen Handtuchknäul und wischte langsam die Wassertropfen vom Glas. Sie sah wirklich fürchterlich aus. Ihre Haut war aschfahl, die Augen dunkel gerändert, ihr Haar hing nunmehr in nassen Bündeln herab. Zum Glück hatte ihre Mutter sie nicht gesehen, als sie nachts nach Hause gekommen war. Liz war direkt auf ihr Zimmer gestürmt, hatte etwas von „Bin müde“ gebrabbelt und sich sofort schlafen gelegt. Sie hätte sie wahrscheinlich stundenlang ausgefragt, warum sie so verstört ausgesehen hatte.
Liz versuchte mehrmals zu lächeln. Ein schräges Grinsen erschien auf dem Gesicht ihres Spiegelbildes. Nach mehreren Versuchen wurde es realistischer, wenn auch nicht echt. Sie hatte seit Ewigkeiten nicht mehr richtig gelächelt. Sie war inzwischen eine Meisterin darin, so zu tun als ob. Aber immer wenn sie lächelte frischte sich ihr Gesicht auf. Mit den Lächelübungen verschwand der angespannte Blick aus ihrem Gesicht und sie sah mehr und mehr wieder normal aus. So musste sie wenigstens ihrer Mutter nicht allzu viel erklären. Nur wo sie gestern Abend gewesen war. „In der Stadt, mich ein bisschen umsehen“, würde ihre Antwort natürlich lauten. Wieso sollte sie ihr sagen, dass sie im stockfinsteren Wald umhergerannt war.
Sie setzte ihren Weg fort, nachdem sie ihr zerrüttetes Bild einmal mehr im Spiegel betrachtet hatte und schlürfte vorsichtig weiter in ihr Zimmer. Dort kramte sie in mehreren Kisten herum, bis sie schließlich neue Klamotten, ihren Föhn und Bürste auf das Bett warf. Nachdem sie sich kräftig abgetrocknet hatte, bürstete sie ihre widerspenstigen nassen Haare nach vorne und föhnte sie, bis sie vollkommen trocken waren. Sie zog sich an und kämmte sich die Haare erneut, bis sie in einer ansprechenderen Frisur saßen. Sie blickte auf die Uhr auf ihrem Handy. Es war noch sehr früh. Anscheinend hatte sie nicht sehr lange geschlafen. Ihre Mutter war sicherlich noch nicht wach, also begann sie damit ihre Kisten auszuräumen und ihre Habseligkeiten in den Schränken und Schubfächern zu verstauen. Nach kaum mehr einer Stunde hatte sie ihr komplettes Zimmer eingerichtet. Ihre Mutter würde wahrscheinlich erst in ein zwei Stunden aufstehen. Höchstens. Sie blickte aus dem Fenster ihres neuen Zimmers und sah, wie die Sonne sich langsam ihren Weg an den Himmel erkämpfte. Der Himmel war blutrot. Wie gestern Abend.
Liz packte eine Idee. Sie griff sich erneut ihre Tasche mit Block und Stiften, ihren Ipod und ihr Handy und machte sich auf den Weg die Treppe hinab in die Küche. Sie bestand aus hochglanzweißen Schränken und einer ausladenden hölzernen Arbeitsplatte mit einem eingelassen Kochfeld und Waschbecken. Der Traum ihrer Mutter. Allein in der Küche hätte man zelten können. Sie warf einen Blick in den Kühlschrank. Organisiert wie ihre Mutter war, war dieser bereits bis zum Bersten gefüllt. Auch die anderen Schränke platzten bei den Massen an Vorräten und Geschirr aus allen Nähten. Verhungern würden sie sicherlich nicht. Sie machte sich rasch ein Brötchen, packte es in Alufolie, steckte es in ihre Tasche und schlich aus der Haustür hin zur Garage.
Dort hatten die Möbelpacker alles Mögliche abgeladen, was nicht ins Haus gehörte. So auch ihr Fahrrad. Es lehnte an der Garagenwand, zugestellt von einigen Umzugskartons. Nachdem sie es so gut es ging befreit hatte, setzte sie sich darauf und fuhr los.
Mit dem Fahrrad war sie um einiges schneller als zu Fuß. Außerdem nahm sie nun nicht zickzack jede nächstbeste Straße und kürzte den Weg zusätzlich um mehrere Minuten ab. Schließlich ging es stark bergauf, als sie der Straße in Richtung Stadtgrenze folgte. Gestern war es eindeutig nicht so schwer gewesen, die wenigen Meter hoch zum Schild mit der Karte zurück zu legen. Sie schnaufte ein wenig erschöpft, als sie schließlich vor dem Schild Halt machte. Im Wald würde sie das Fahrrad nicht mitnehmen können. Es würde nur stören, also schloss sie es an das Schild an.
Sie richtete sich auf und blickte in die Tiefen des Waldes, in die Richtung, in welcher der See ungefähr liegen musste und marschierte los.
Glücklicherweise verlief sie sich kaum in dem Wirrwarr aus Licht und Schatten, welchen die Bäume auf den Waldboden scheinen ließen. Sie fand den See nach einer guten halben Stunde so ruhig vor wie gestern, als sie ihn das erste Mal entdeckt hatte. Genau wie gestern Abend stieg sie auf das Plateau und blickte auf den See hinaus. Dann fixierte sie die Stelle ihrer Neugier auf der anderen Seite. Sie würde den halben See umrunden müssen.
Sie war nun wesentlich länger unterwegs und der Weg schien kein Ende nehmen zu wollen, ihr Ziel nicht näher zu rücken. Um nicht zu sehr vom See abzukommen, hielt sie sich auf ihrem Weg durch den Wald stehts in der Nähe. Am Ufer direkt entlang zu laufen wäre zu umständlich. Es wechselte ständig von Sand, zu Steinen über Felsen und schließlich wieder zu Sand. Pure Kletter- und Kraxelarbeit, welche ihre Geschwindigkeit mehr drosseln würden, als im Wald über Stock und Stein zu laufen. Die Sonne stieg immer höher und es wurde spürbar wärmer. Hier und da spürte Liz, wie die Tiere wieder vor ihr Reiß aus nahmen.
Sie war nun schon eine gute Stunde unterwegs als sich plötzlich der Wald lichtete und ihr die Sonne auf den Kopf schien. Die Lichtung hatte gerade mal wenige Meter im Durchmesser und war überwuchert von den verschiedensten Pflanzen. Doch bei genauerer Betrachtung erkannte Liz, dass sie plattgetreten und gewälzt worden waren. Der Boden war aufgewühlt und als sie die Bäume ringsherum musterte, erkannte sie tiefe Kratzer und Wunden in der Rinde und abgebrochene und angeknackste Äste. Als sie näher an einen der verletzten Bäume heran trat und die Stelle berührte, an der Irgendetwas die Rinde mit bestialischer Kraft abgerissen hatte, spürte sie etwas Feuchtes unter ihren Fingern. Als sie ihre Handinnenseite begutachtete, erkannte sie, dass es Blut war. Blut klebte am Baum, am Boden, an den Ästen. Halbgetrocknet vermischte es sich mit der Erde und verklebte das Gras.
Sie mussten hier gewesen sein. Die Tiere. Hier hatten sie ihren Kampf weitergeführt oder begonnen. Tiefe Spuren hatten Abdrücke im Boden hinterlassen. Riesige Pfotenabdrücke. Es musste ein gigantischer Hund, Wolf oder vielleicht sogar ein Löwe gewesen sein. Ein anderes Tier fiel ihr nicht ein. Doch welches dieser Tiere hatte solch übernatürliche Kraft wie sie sie am See gesehen hatte? Welches Tier hatte solch verbitterte und blutrünstige Feinde wie jene am See?
Die Spur der Verwüstung zog eine Schneise durch den Wald und als Liz ihr einige Zeit folgte, fand sie sich endlich am Ufer des Sees wieder, der Stelle, auf der sie die Wesen gestern kämpfen gesehen hatte.
Auch hier war der Boden aufgewühlt, ja sogar die Steine waren zerborsten und in tausend Teile zersprungen. Blut bedeckte den größten des des kleinen Uferstückes. Durch die große Menge war es noch nicht getrocknet. Liz ging auf den Punkt zu, an dem sie die Kreatur gestern gesehe hatte, wohl bedacht nicht in die Blutlachen zu treten und auszurutschen. Zum Schluss musste sie von Stelle zu Stelle hüpfen, um den roten Pfützen zu entgehen. An der Stelle, wo sich das Wesen vor Schmerz gekrümmt und gewunden hatte, befand sich ebenfalls eine riesige Blutlache. Das Blut war dünner, anders als das im Wald oder auf dem Rest des Uferstückes. Viel...menschlicher als sie es gedacht hatte. Ein unergründbarer Drang überkam sie, als sie sich hinkniete und mit ihrer Fingerspitze den Rand der Blutlache berührte. Es klebte an ihren Fingern, feuerrot, gefährlich, tot. Strom floss durch ihre Finger, ihren Arm hinauf, wurde durch ihr Herz und in jedes Glied ihres Körpers geschickt. Ein Bild flammte in ihrem Kopf auf: Eisiges Blau.

Sie schreckte zurück ob der plötzlichen Anspannung ihres Körpers. Ihr Nacken kribbelte und ihr Herz brannte.

Dann war auf einmal Alles wieder vorbei. Ihr Herz schlug so ruhig wie immer, ihr Atem war leise wie immer. Die Anspannung war verflogen. Liz nahm rasch mehrere Schritte und brachte einige Meter zwischen sich und den Ort des beobachteten Kampfes. Irgendetwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu. Bloß was waren diese Geschöpfe gewesen? Eine Einbildung? Nein, denn sie hatte die zerstörten Bäume berührt, das Blut gefühlt.

Sie konnte nicht erklären wieso, aber sie war dennoch die Ruhe selbst als sie sich auf den Boden setzte und das Schlachtfeld in aller Einzelheit studierte. Die eisig blauen Augen des Wesens hatte sie geängstigt. Sie um ihr Leben rennen lassen wollen. Und doch hatte sie nicht nur Gefahr gesehen. Da war noch mehr gewesen. Das Blau hatte sie aufgesogen, sich unwiderruflich in ihren Bann gezogen und würde sie erst wieder loslassen, wenn sie sein Rätsel gelöst hatte. So viel mehr in diesem eisigen Blau. Kühle. Einsamkeit. Furcht. Furcht in den Augen dessen, was ihr selbst so viel Angst bereitet hatte. Genau das war es, was schließlich ihre Angst vertrieb. Die Tatsache, dass es auch Angst hatte. Sie spürte den Boden unter sich fühlte ihn mit ihren Händen und verfehlte mit ihren Fingerspitzen knapp die roten Teiche aus Blut. Eben noch wäre sie am liebsten gerannt, nun machte ihr das viele Blut schon nichts mehr aus. Ihr Herzschlag pochte ruhig und kontrolliert in der Stille, während sie sich das beobachtete erneut vor Augen führte. Sie konnte die Kreaturen förmlich vor sich sehen, wie sie miteinander rangen, bissen, Knochen brachen und schließlich wie das eine zurückgebliebene Geschöpf sich auf dem Boden keuchend aufzurichten versuchte, während sein Gefährte der Beute in den Wald gefolgt war. Sie stellte sich das Wesen vor, wie es dort am Boden kroch und seine Kräfte zu sammeln versucht hatte. Sie sah die blitzschnelle Reaktion, als die Steine am anderen Ufer ins Wasser gefallen waren, wie es sie fixiert und doch nicht gefunden hatte und schließlich ebenso schnell wie es erschienen war wieder im Wald verschwunden war.

Liz richtete sich wieder auf. Es war Zeit zu gehen. Ihre Mutter würde demnächst aufwachen und wenn sie dann nicht für den Rest ihres Lebens Fragen beantworten wollte, musste sie sich auf den Weg machen. Sie wollte nicht gehen. Der Ort faszinierte sie. Ein letztes Mal ging sie zu der Stelle, an der das Geschöpf gelegen hatte und ging bis zu dem Punkt, von dem aus es sie am anderen Ufer zu finden versucht hatte. Sie streifte einige kleine kniehohe Sträucher und blieb ihrer Tasche an den Dornen hängen. Fluchend versuchte sie ihre Tasche zu befreien, als sie einen kleinen Stofffetzen im Gebüsch bemerkte. Er war blutverschmiert und gehörte offensichtlich zu einer Hose. Es hatte die Form einer Hosentasche. Sie griff danach und wollte ihn herausziehen, doch es hing fest. Sie ertastete etwas kühles Metallenes. Als sie ihre Hand aus dem Gebüsch zog und ihre Hand öffnete, lag darin eine silberne Kette. Sie war alt. Sehr alt. Jemand musste sie hier verloren haben. Oder Etwas. Aber es konnte doch nicht dem Geschöpf gehören, welches sie gestern hier gesehen hatte. Was sollte ein Tier mit einer Kette? Als sie sie ins Licht hielt funkelte ein kleiner Rubin darauf und warf das Schmuckstück in einen blutroten Schimmer. Wie passend. Es war ein Medaillon mit einem kleinen Verschluss an der Seite. Liz öffnete ihn, aber es war kein Foto darin. Sie klappte es wieder zu und steckte es in ihre Tasche.
Nun musste sie aber wirklich los.

Sie lief schnell durch den Wald, einmal um den halben See bis sie schließlich schon von weitem ihr Fahrrad erkennen konnte, dass zu ihrer Erleichterung immer noch an dem Schild angeschlossen lehnte. Sie blickte auf ihr Handy. Verflixt. Ihre Mutter war sicherlich schon aufgestanden.
Mit einigen kräftigen Tritten in die Pedale fuhr sie den Weg zurück durch die Stadt. Dieses Mal war die Stadt wesentlich belebter als gestern Abend. Auf dem Sportplatz der High School trainierten die Baseballspieler, während andere Schüler, vorwiegend Mädchen, auf den Tribünen saßen und ihnen zuschauten. Es gingen gerade mehrere Teenager ins „Mystic Grill“, wohl um noch ein letztes Mal zu feiern und den letzten Tag der Sommerferien zu genießen.

Schließlich kam sie nach Luft ringend auf der Einfahrt ihres Hauses zum Stehen. Sie stellte ihr Fahrrad in die Garage und schlich so leise wie möglich die Veranda hinauf, öffnete die Vordertür und trat in den Flur, um ihre Mutter, welche hoffentlich noch schlafen würde, nicht zu wecken. Und anscheinend hatte sie Glück. Es kam kein „Wo warst du“ aus der Küche und es waren auch keine stampfenden Schritte zu hören, die eine wütende Mutter angekündigt hätten. Sie ging in die Küche. Im Abwasch entdeckte sie eine Kaffeetasse. Die Kaffeekanne war noch halbvoll mit Kaffee. Sie musste doch schon wach sein. Sie ging durch die gesamte Wohnung, klopfte an Bad- und Schlafzimmertür doch von ihrer Mutter war keine Spur. Als sie wieder in der Küche war suchte sie nach einer Notiz. Ihre Mutter machte immer Notizen, falls irgendetwas war. Und tatsächlich. An der Kühlschranktür hielt ein kleiner Magnet einen dieser Zettel. Liz nahm ihn und las. “Hallo Liz. Da wir uns vor meiner Abreise anscheinend nicht mehr sehen, wünsch ich dir auf diesem Weg alles Gute und einen schönen ersten Schultag. Ich muss für einige Tage auf eine Geschäftsreise. Ich werde voraussichtlich gegen Ende der Woche zurück sein. Vielleicht aber auch später. Essen ist im Kühlschrank und Geld habe ich unter dein Kopfkissen gelegt. Alles Liebe, Mama.“ Toll. Sie war also weg. Eine ganze Woche. Immerhin würden die Fragen dann noch eine Woche warten müssen.

Liz ging auf ihr Zimmer, fühlte unter ihr Kopfkissen und fand das Geld von ihrer Mutter. Sie steckte es in ihr Portemonnaie. Jetzt hatte sie den ganzen Tag frei. Morgen würde die Schule wieder anfangen. Juhu. Sie war nicht sehr begeistert davon, in eine neue Schule zu gehen, die „Neue“ zu sein. Was sie für später brauchte konnte sie sich auch selbst beibringen. Den ganzen Tag da zu sitzen, zuzuhören wie der Lehrer es langsam aufgab ihnen etwas beibringen zu wollen. Aber es musste ja sein. Liz fiel auch nichts anderes ein, was sie anstatt der Schule machen sollte. Sie hatte keine Ahnung, was sie später mal werden wollte, ob sie überhaupt etwas werden wollte. Ihr Leben schien so vor sich hin zu gleiten, momentan von einer Katastrophe in die andere. Wenn sie erst einmal alt genug war, würde sie ausziehen. Irgendwo hin wo wenig Menschen waren. Abseits von Allem. Und dann… werde ich sehen was kommt.

Heute brauchte sie erst einmal Beschäftigung. Am liebsten irgendwo sitzen und zeichnen, Musik hören, für mich sein. Sie überlegte, wo konnte man hier ungestört sein? Abgesehen vom Wald. Der war ihr jetzt allerdings zu mühsam zu erreichen. Schließlich entschied sie sich für den Ort, an dem sie schon früher in ihrer alten Stadt immer ein ruhiges Plätzchen gefunden hatte.
Sie erinnerte sich wage an die Karte am Waldrand und verließ das Haus. Einige Nachbarn, die gerade mit der Gartenarbeit beschäftigt waren oder auf der Veranda saßen begrüßten sie freundlich. Liz nickte mit einem Lächeln und stahl sich schnell davon, bevor die Leute sie in ein endlos langweiliges Gespräch über Haus und Garten verwickeln konnten. Das sollte mal schön ihre Mutter ertragen. Dieses Mal ging sie die Straße in entgegengesetzter Richtung entlang. Der Ort lag hinter ihrem Haus die Straße hinauf, nur einen Katzensprung entfernt.
Quietschend öffnete sie das kleine schmiedeeiserne Tor, an dem ein Schild mit den abplatzenden Lettern „Mystic Falls, Friedhof“ hing. Der Friedhof war recht klein und natürlich gehalten. Die Grabsteine waren meist umringt mit Blumenbüschen und Beeten, überschattet von großen Bäumen. Viele Grabsteine an denen sie vorbei kam waren schon mehrere hundert Jahre alt und die Namen der Verstorbenen nicht mehr zu erkennen. Es war keine Menschenseele zu sehen. Liz hatte kaum etwas Anderes erwartet. Niemand war gern auf dem Friedhof, wobei in ihrer alten Stadt des Öfteren Besucher gekommen waren, um die Gräber ihrer Verwandten zu sehen. Niemand, außer sie. Liz schätzte die Ruhe und Ungestörtheit von Friedhöfen. Ihre Mutter fand das ziemlich makaber, aber das interessierte sich recht wenig. Sie war ja nicht dort um Zombies auszubuddeln oder so, sondern weil sie die Stille genoss, die ihr der Friedhof bot. Sie ging einige Minuten über den Friedhof und hatte ihn beinahe durchquert, was bei seiner Größe auch nicht sehr schwierig war, als sie einen geeigneten Platz fand und sich setzte. Sie lehnte an einen großen Grabstein, der bereits mit Moos und Flechten überzogen war und unter einer großen Eiche stand.

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4 Kapitel 4: Neue Bekanntschaften am Mi März 28, 2012 4:17 pm

Kapitel 4: Neue Bekanntschaften

Wie schon auf dem Felsplateau steckte sie sich die Kopfhörer in die Ohren und drehte ihren Ipod voll auf. Anschließend kramte sie ihren Block und einen Stift aus ihrer Tasche und studierte die Umgebung. Während die Wolken wanderten fielen immer wieder Schatten auf den kleinen Friedhof, als die Sonne von ihnen für einen kurzen Moment verdeckt wurde. Auch wenn es der Friedhof war, Liz hatte noch nie einen schöneren Ort gesehen. Einmal abgesehen von dem See im Wald. Kein von Menschen erbauter Ort konnte mit der Natur mithalten. Aber von den Menschen war er eben einer der schönsten Orte die sie je gesehen hatte.
Der Wind säuselte zwischen den Grabsteinen hindurch und summte eine melancholische Melodie, denen sich das Rauschen der Blätter anschloss. Die älteren Grabsteine standen schon etwas schief und bröckelten. Die Neueren waren penibel genau in Reihen positioniert worden und meist auch noch blank poliert. Vor einigen standen Vasen mit des Öfteren bereits vertrockneten Blumen darin.

Liz fixierte die vertrockneten Blütenblätter und zeichnete die Umrisse auf ihren Block. Mit jedem weiteren Strich nahm die Blume mehr Form an. Während sie weiter zeichnete nahm sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung war. Sie drehte ihren Kopf und sah ein Mädchen und kurz darauf einen Jungen den kleinen Friedhofsweg entlang gehen. Das Mädchen ging langsam voraus und hielt die Hand des Jungen hinter ihr, während sie in ihrer anderen einen Blumenstrauß hatte. Das Pärchen war ungefähr in Liz Alter. Möglicherweise sogar Schüler auf ihrer neuen High School. Das Mädchen guckte traurig auf den Boden vor sich, während sie mit gesenktem Kopf Schritt für Schritt nahm. Ihr Gesicht wurde teilweise von ihren langen dunklen Haaren verborgen. Es wirkte wie ein Schleier, welcher manchmal vom Wind weggeweht wurde, sodass Liz schließlich feststellen konnte, dass sie recht hübsch war, trotz ihrer Trauermiene.
Ihr Freund hatte ein kantiges Gesicht und wirkte sehr sportlich. Mit seinen Augen folgte er jeder Bewegung des Mädchens, als sei sie das Kostbarste, was er je gesehen hatte, und das er unbedingt beschützen musste.

Die beiden kamen immer näher und Liz, welche sich zwar sicher war, dass man sie wahrscheinlich nicht bemerken würde so unscheinbar wie sie war, duckte sich hinter den Grabstein. Sie wusste nicht genau warum, aber sie wollte wissen, was die beiden hier wollten.

Schließlich stoppte das Mädchen vor zwei weißen Grabsteinen. Sie waren noch recht neu und nicht mit Moos bewachsen. Es kniete sich hin und stellte die Blumen in eine kleine Vase zwischen den beiden Steinen. Der Junge kniete sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schulter. Das Mädchen schien zu weinen. Es schluchzte in das Shirt des Jungen, welcher sie voller Mitgefühl betrachtete und aufmunternde Worte sprach. Liz konnte kaum etwas verstehen, aber sie traute sich nicht näher heran zu gehen, da sie wahrscheinlich sonst von dem übervorsichtigen Freund entdeckt werden würde. Auch wenn er die meiste Zeit auf seine Freundin achtete, schien er trotzdem zugleich die gesamte Umgebung zu scannen. Wenn sie nur einen Muchs machte, würde er sie bemerken. Was jetzt? Sie konnte weder vor noch zurück. So oder so müsste sie aus ihrer Deckung und das Pärchen würde wissen, dass sie sie beobachtet hatte. Das wäre eindeutig zu peinlich. Ihr blieb nichts anderes übrig als auszuharren und zu warten, bis die beiden den Friedhof wieder verließen. Sie beruhigte ihre Atmung und konzentrierte sich wieder aufs Zeichnen. Wenn die beiden sie so finden würden, wäre sie zumindest nicht sofort eine gemeine Stalkerin.
Sie wollte sich gerade wieder der Blüte zuwenden, als sie eine schwarze Krähe auf einem der Grabsteine sitzen sah, welche das Pärchen beobachtete. Ihr Gefieder glänzte, als ob sie gerade in ein tiefschwarzes Tintenfass gefallen war. Es war ein wirklich schönes Tier. Doch diese Augen… Sie fixierten das Pärchen mit solcher Intensität und Gefühl, dass Liz bei einer Krähe eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Sie waren nicht schwarz, wie es sonst Liz Meinung nach der Fall war, sondern von einem hellen Blau. Unwillkürlich erinnerte sie die Krähe an das Wesen im Wald. Eisiges Blau. Ihr Nacken kribbelte, während sie die Augen studierte. Sie nahmen keine Notiz von Liz, welche regungslos am Grabstein lehnte um sie nicht zu verscheuchen.
Schließlich flüsterte der Junge dem Mädchen etwas ins Ohr und beide richteten sich schweigend auf. Dann er auf die Krähe zu und sprach zu ihr. Liz hätte Alles dafür gegeben zu erfahren was man einer Krähe zu sagen hatte. Sie war nur ein Tier und konnte ihn unmöglich verstehen und doch reagierte sie anscheinend auf seine Worte. Nach einem kurzen Schweigen und einem Blick auf das Mädchen, welches ebenfalls zurück blickte, Tränenspuren auf den Wangen und einen fragenden und gleichzeitig wütenden Blick in den Augen, flatterte die Krähe mit den Flügeln und flog davon.

Der Junge seufzte und ging zurück zu dem Mädchen. Sie ergriff seine Hand und beide machten sich auf den Friedhof wieder zu verlassen. Als sie endlich nicht mehr zu sehen waren, atmete Liz beruhigt und tief ein und aus. Sie hatten sie nicht entdeckt.
Von der Neugier gepackt ging sie zu den beiden weißen Grabsteinen und las die Inschriften.
Hier ruht Miranda Sommers-Gilbert[…] Hier ruht Grayson Gilbert[…]“ Nach den Daten zu urteilen waren die beiden recht jung gestorben. Erst letztes Jahr. Möglicherweise war das Mädchen ihre Tochter.
Liz konnte nachempfinden wie schwer es sein musst seine Eltern zu verlieren. Auch wenn ihr Vater nicht tot war, er hatte sie freiwillig verlassen. Er war nicht einfach aus ihrem Leben gerissen worden. Er war gegangen.

Gilbert… Den Namen hatte sie schon einmal gelesen. Auf einem Briefkasten in ihrer Straße. Ein recht hübsches Haus stand dahinter. Sie waren also Nachbarn.

Liz blickte auf ihre Handyuhr. Es wurde langsam später Nachmittag. Sie hatte eine ganze Weile auf dem Friedhof verbracht. An die zwei Stunden. Sie hatte gar nicht bemerkt wie die Zeit verflogen war, besonders als das Pärchen und die Krähe aufgetaucht waren. Sie war einfach zu gefesselt gewesen. Warum? Keine Ahnung. Es war wie Magie. Es zog sie an. Wie ein überdimensionaler Magnet war sie in den letzten zwei Tagen Zeugin von zwei seltsamen Begebenheiten gewesen. Erst der See und jetzt das. Das war schon sehr seltsam. Die Neugier ergriff von ihr Besitz. Sie war des Öfteren viel neugieriger, als es gut für sie gewesen war. Wahrscheinlich genauso wie jetzt. Nichtsdestotrotz wollte sie herausfinden, was sie so an dem Ganzen faszinierte. Wollte wissen, warum sie immer so angespannt war in den letzten Tagen.
Sie hatte schon immer ein Gespür für seltsame Dinge gehabt. Zwar weitaus weniger seltsam als diese Situation, aber dennoch manchmal zu ihrem eigenen Erstaunen.

Sie beschloss sich wieder auf den Nachhauseweg zu machen. Ihr Magen grummelte und sie dachte sehnsüchtig an den prall gefüllten Kühlschrank. Ihr Hunger trieb sie noch ein wenig zügiger voran, sodass sie nach wenigen Minuten wieder vor ihrem Haus stand und in ihrer Tasche nach den Schlüsseln wühlte. Sie hörte Schritte auf dem kleinen Kiesweg vor der Veranda und drehte sich um.

Hinter ihr stand das Mädchen von dem Friedhof. Liz zuckte ein wenig zusammen, denn sie dachte zuerst, dass es bemerkt hatte, wie sie sie beobachtet hatte und sie nun dafür zur Rede stellen wollte. Ihr Freund stand hinter. Zuerst runzelte er kaum merklich die Stirn und verzog die Nase, so als ob er einen schlechten Geruch in der Nase hatte, dann fing er sich und lächelte. Seine Zähne waren makellos weiß und glänzten beinahe in der Sonne. Mit einem Lächeln sah er wesentlich besser aus. Auch das Mädchen lächelte freundlich, strich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht und machte sie sich hinter ihr Ohr. Dann streckte sie ihre Hand aus und hielt sie Liz hin. „Hi, ich bin Elena. Elena Gilbert.“ „Hi“, stotterte Liz ein wenig, während sie aus ihren Beobachtungen gerissen wurde. Das passierte ihr ständig und war immer wieder auf ein Neues peinlich. „Du bist neu hier, oder?“ Liz riss sich zusammen und blickte nun etwas kräftiger zurück. „Ja. Elizabeth Ames. Ich bin gestern mit meiner Mutter hergezogen.“
Sie setzte ihr „freut-mich-dich-kennen-zu-lernen-Lächeln“ auf, anstatt weiterhin verdattert zu gucken. „Ich weiß“, sagte Elena, „du bist sozusagen Stadtgespräch. Es ziehen selten neue Leute nach Mystic Falls. Vor allem nicht nach…“ Elena hatte gestoppt und Liz runzelte verwirrt die Stirn. Elena atmete ein und sagte: „Vor allem nicht nachdem hier in letzter Zeit so viele Wildunfälle passiert sind.“ „Wildunfälle?“ „Ja. Vor kurzem hat hier ein wildes Tier sein Unwesen getrieben und viele Menschen getötet“, sprang der Junge hinter Elena plötzlich ein. „Aha“, sagte Liz etwas verwundert. Sie hatte keine Angst vor Tieren. Wenn es so kommen sollte, dann war es eben so, dass sie ein Tier zerfleischte. Was machte das schon. Irgendwie war es ihr egal. Ihr Leben war entweder unspektakulär-langweilig oder nervenzerreisend-schmerzhaft-enttäuschend gewesen. Es wäre vielleicht einmal eine Abwechslung.
Der Junge riss sie aus seinen Gedanken, als er sagte: „Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Man hat es vor kurzem gefangen.“ Er lächelte und Liz lächelte zurück. Elena hatte anscheinend ihre Stimme zurückgewonnen und deutete auf den Jungen: „ Das ist übrigens mein Freund Stefan.“ Der Junge lächelte erneut und reichte Liz die Hand. „Stefan Salvatore. Hi.“ Liz schüttelte sie und lächelte. Langsam ging es ihr auf die Nerven. Lächeln. Sie lächelte mehr aus Höflichkeit als aus Freude. Sie wollte lieber für sich sein. Planen wie sie die morgige Tortur überstehen würde, wenn sie in die neue Schule musste. Da kam ihr ein Gedanke. „Geht ihr auch auf die Mystic Falls High?“ „Ja. Ich gehöre zum Komitee, dass die neuen Schüler begrüßt“, sagte Elena. Liz überlegte, wenn sie sich schon heute mit einigen anderen Schülern anfreundete, würde der morgige Tag sicherlich weniger krampfhaft ablaufen. „Dann haben wir ja vielleicht einige Fächer zusammen.“ „Ja. Wir drei haben fast den gesamten Unterricht zusammen. Als Leiterin des Begrüßungskomitees bekomme ich die wichtigsten Daten der neuen Schüler immer vorher. Ich glaube du hast nur Geografie bei Mr. Havering“, erwiderte Elena freundlich. „Schön“, sprach Liz weiter. „Wir können doch morgen gemeinsam zur Schule gehen. Ich hol dich ab“, schlug Elena vor. Liz nickte. „Klar." "Gut. Dann komm ich morgen so gegen halb 8 vorbei. Dann kann ich dir vor dem Unterricht noch die Schule zeigen." „Na dann", lächelte Liz, „sehen wir uns morgen." „Ok. Bis morgen", sagte Elena, griff Stefans Hand und zog ihn mit sich. Stefan lächelte und nickte Liz zu, dann ging er mit seiner Freundin die Straße hinunter zu dem Haus, an dessen Briefkasten Liz den Namen Gilbert gesehen hatte.
Sie seufzte und entspannte ihren Rücken. Vor den Beiden hatte sie es gut verborgen, doch sie war die ganze Zeit angespannt gewesen. Sie konnte nicht so gut mit neuen Menschen. Sie war verkrampft und zurückhaltend, brachte nur nach langem Überlegen einige Worte heraus. Hinzu kam, dass sie nur allzu häufig in Tagträumen die Realität und ihre Umgebung vergaß und abwesend in die Luft starrte. Es war immer wieder peinlich, wenn sie ihr Abschweifen bemerkte und sich wieder ihrem Gegenüber zuwandte. Sie sah, wie die beiden ins Haus gingen und bemerkte, wie Stefan ihr einen letzten konzentrierten Blick zuwarf. Es war nur einen kurzen Moment gewesen, kaum zu bemerken, aber sie war sich sicher, dass er sie beobachtet hatte. Seltsam.
Liz richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Tagesplanung.
Es war noch immer reichlich Zeit und Nichts zu tun. Hoffentlich würde das Fernsehprogramm Etwas hergeben. Sie ging ins Haus und durchsuchte einige Schränke der gigantischen Küche, bis sie einige Tüten und Dosen mit Knabberzeug und Süßkram fand. Sie packte ungefähr die Hälfte und stellte sie auf dem Couchtisch ab. Als sie sich kurz in ihrem Zimmer umgezogen und eine alte Schlabberhose und ein bequemes T-Shirt angezogen hatte, schmiss sie sich auf die Couch und gab sich den sonntäglichen Spielfilmen und Shows hin.
Nach einiger Zeit übermannte sie die Langeweile, ihr Kopf knickte zur Seite und sie schlief ein.
„TADADADAADAAAAAAAAAAAMMMMMMMMMMMMM!Und hier die neuesten Nachrichten. In Mystic..." Liz schreckte hoch. Die Chipstüte, welche auf ihrem Bauch gelegen hatte, klatschte auf den Boden und der Inhalt verteilte sich in alle Richtungen. „Mist..." schimpfte sie und kroch auf dem Boden herum, während sie die Chips zusammenkratzte. „...erneuter Angriff...". „..wildes Tier..., ... Polizei noch keine Spur...." Sie holte Schippe und Besen, fegte die Krümel zusammen und schmiss sie in den Müll. Sie blickte auf die Uhr. Es war kurz vor Mitternacht. Zeit schlafen zu gehen. Nach einem kurzen Blick zum Fernseher hin schaltete sie ihn aus. Stille breitete sich im Raum aus, als die Nachrichtensprecherin verstummte. Ein Bild von der Polizei war gerade gezeigt worden. Vor dem Ortsschild von Mysic Falls. Doch sie war schon zu müde um sich dafür mehr interessieren zu können. Sie packte die Knabbertüten, stopfte sie in den Schrank und schlürfte die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Nach einem kurzen Abstecher ins Bad fiel sie aufs Bett, griff nach ihrem Wecker und stelle ihn auf halb 7. Dann schlief sie wieder ein und ergab sich der dunklen Stille ihres neuen Zimmers.

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5 Kapitel 5: Teufel der Nacht am Do März 29, 2012 11:32 am

Kapitel 5: Teufel der Nacht
Der Wecker klingelte, Liz packte ihn wie jeden Morgen grummelnd und mit Schlaf in den Augen und machte ihn aus. Langsam formten sich die Konturen ihres Raumes. Sie zog die Decke zurück und schlüpfte schnell in ihre flauschigen Hausschuhe, sodass ihre Füße nur kurzzeitig der morgendlichen Kälte ausgesetzt waren. Liz fröstelte. Aufstehen war schon immer eine ihrer ungeliebtesten Tätigkeiten gewesen. Allein sich aus dem mummelig warmen Bett zu schälen war immer wieder eine Qual. Die Aussicht auf einen ewig langen und vor allem unspektakulär langweiligen Schultag machte es nicht besser. Sie sprang unter eine heiße Dusche, um sich wieder etwas aufzuwärmen und machte sich fertig. In ihre Tasche stopfte sie einen Block, ihren Kalender, ihre Federtasche und einige andere Kleinigkeiten hinein und nahm sie mit hinunter in die Küche.
Dort aß sie eine Schüssel Cornflakes und während sie auf Elena wartete, ging sie ihren Schlachtplan durch. Unsichtbar bleiben. So wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich lenken. Auf den Unterricht konzentrieren. Nicht Tagträumen. Dann würde sie den Tag gut überstehen. Nach einiger Zeit klingelte es und das Geräusch riss Liz aus ihren Gedanken. Sie stellte ihre Schüssel in die Spüle, griff ihre Tasche und öffnete die Tür. Davor standen Elena und Stefan. Liz hatte nur Elena erwartet und schaute etwas überrascht, bevor sie sich wieder fasste und ein freundliches Lächeln aufsetzte. „Hi", sagte sie. Elena und Stefan erwiderten das Lächeln. „Morgen." Liz nahm ihre Schlüssel und trat nach draußen. Nachdem sie einige Sekunden am Schloss gewerkelt und abgeschlossen hatte, drehte sie sich zu den beiden. „Gut. Von mir aus können wir los." „Schön", sagte Stefan und ging voraus zu einem
grauschwarzen Geländewagen, welcher vor der Einfahrt parkte. „Wir fahren mit Stefans Wagen", bemerkte Elena und beantwortete damit Liz fragenden Blick. Sie hatte damit gerechnet mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen. In ihrer alten Stadt war sie immer mit dem Bus zur Schule gefahren und sie hatte nicht damit gerechnet, dass die beiden so weit gehen würden, sie zu chauffieren. Sie stieg mit einem dankenden Nicken ein und Stefan fuhr los in Richtung Mystic Falls High.
Als sie nach einigen Minuten auf dem Parkplatz der High School hielten stiegen Stefan und Elena aus und gingen in Richtung Eingang, während Liz sitzen blieb.
Sie holte tief Luft und beobachtete, wie dutzende Schüler plappernd in die Schule spazierten. Jetzt ging es los. Sie bemerkte, das Stefan und Elena stehen geblieben waren und Elena schließlich zurück zum Wagen kam und die Tür aufmachte. „Was ist denn los? Willst du hier Wurzeln schlagen?“ Liz schluckte und lächelte. „Äh… Nein. Ich komme.“ Mit diesen Worten stieg sie aus dem Wagen aus und ging mit Elena hinüber zu Stefan. Elena hackte sich bei ihr ein und flüsterte: „Keine Panik. Die beißen nicht“, als Liz die vielen Schüler offensichtlich nervös beäugte. Liz lachte halbherzig. Stefan lächelte verschmitzt. Worüber wusste Liz nicht, denn er konnte Elenas Kommentar unmöglich gehört haben. „Ich seh euch beide später“, sagte er, beugte sich zu seiner Freundin hinunter und gab ihr einen Kuss, dann winkte er Liz mit einem viel zu charmanten Lächeln auf den Lippen zu und ging davon. Liz bemerkte, wie dutzende Mädchenaugen seinen Schritten folgten und sie misstrauisch anglotzten. Sie neigte sich zu Elena. „Er ist ziemlich beliebt, oder?“ Elena nickte und lachte, als sie den Grund für die Frage erkannt hatte.
„So, wenn du noch ein bisschen von der Schule sehen willst bevor der Unterricht beginnt, sollten wir uns langsam beeilen.“ Elena zog Liz ohne ein weiteres Wort hinter sich her und schließlich standen sie vor dem Sekretariat. „Hol dir erst mal deine Sachen. Ich warte hier.“ Liz ging ins Sekretariat wo eine freundliche Dame ihr ihren Stundenplan und eine Bücherliste aushändigte. Dann ging sie wieder zu Elena, welche sie durch die gesamte Schule führte. Sie sah den Sportplatz, die Umkleidekabinen, den Hof, die Cafeteria, das schwarze Brett, das Lehrerzimmer, diverse Aufenthalts- und Clubräume, die Aula und schließlich das Klassenzimmer, in welchem sie gleich Unterricht hatten. Die Schule war wirklich riesig. Alleine hätte sie sich wahrscheinlich verlaufen. „Gut. Das wars. Wir haben jetzt Geschichte bei Mr. Saltzmann. Neben mir ist noch ein Platz frei.“ Elena deutete auf einen Platz in der zweiten Reihe. Liz setzte sich und packte ihre Sachen aus. Sie hörte schnelle Schritte auf dem Flur. Hochhackige Schuhe näherten sich in einem dafür unmöglichen Tempo. Sie stoppten vor dem Eingang zum Geschichtsraum. Dann schrie ein Mädchen aus vollem Hals: „Elena!!!“ Liz blickte auf und sah wie ein Mädchen mit blonden wellenden Locken Elena stürmisch umarmte. Sie war sehr schön, hatte blasse, makellose Haut, blaue Augen und ein Paar rosige Lippen. Sie war die typische Schulschönheit. Wahrscheinlich sogar Kapitän der Cheerleader. Sie tuschelte mit Elena so dass Liz kein Wort verstehen konnte. Toll. Schon jetzt wurde sie ausgegrenzt. Wobei es ihr eigentlich nicht so viel ausmachte, sie wollte ja allein sein und ihre Ruhe haben, aber so was Offensichtliches mochte sie dann doch nicht. Elena umarmte das Mädchen noch einen Moment, dann löste sie sich und blickte zu Liz hinüber. Auch das Mädchen bemerkte sie und betrachtete sie von Kopf bis Fuß. Dann ging sie zu ihr hinüber, streckte ihre rechte Hand aus und sagte:„ Hi, ich bin Caroline
Forbes. Du musst die Neue sein, stimmt‘s?" Liz lächelte wie immer, nickte und ergriff Carolines Hand. „Stimmt. Ich bin Elizabeth Ames." Ein peinliches Schweigen erfüllte den Raum, während keiner wusste was er sagen sollte. Dann ergriff die anscheinend gerne plaudernde Caroline wieder das Wort:„ Und...Elizabeth? Hast du heute Abend schon was vor? Wir schmeißen ne Party im Grill." Liz überlegte kurz, bevor sie antwortete. Sie hoffte Caroline würde nicht allzu sauer sein. „Tut mir leid. Aber ich muss heute noch ein bisschen auspacken. Unser Haus ist das reinste Chaos. Vielleicht lieber ein anderes Mal." Hoffentlich würde sie diese Lüge schlucken. Caroline schmollte mit offensichtlicher Missbilligung. „Hm." Das Klingeln rettete Liz vor weiteren Fragen und Erklärungen. Ein Mann, der anscheinend der Lehrer Mr. Saltzman sein musste, kam herein, begrüßte sie und die anderen Schüler, welche inzwischen zahlreich die Plätze im Raum besetzt hatten, und begann den Unterricht. Mit einem kurzen Blick zu Caroline erkannte Liz, dass die Sache wohl noch lange Thema sein und viele Fragen folgen würden, bis Caroline zufrieden wäre.

Der Unterricht dauerte elend lange an. Als würde die Zeit rückwärts laufen, nicht, wie eigentlich üblich, vorwärts. Anscheinend hegte Mr. Saltzman ein großes Interesse an der Geschichte von Mystic Falls. Die ganzen zwei Stunden lang kaute er die gesamte Gründergeschichte durch. Es war schon unglaublich, was in so einer kleinen Stadt alles passiert war, aber da Liz sich nie sonderlich für die ganzen Daten und Fakten der Gesichte begeistern konnte, glitt sie schon bald in eine Art Dämmerzustand über, bis sie schließlich das erlösende Pausenklingeln aufweckte.

Sie sagte Elena und Caroline, dass sie kurz auf die Toilette verschwinden musste, aber in Wirklichkeit wollte sie ein bisschen Zeit für sich und vor allem vor Caroline flüchten. Sie ging auf eine der zahlreichen Toiletten und wartete unauffällig, bis sie komplett leer war. Sie ging auf den großen Wandspiegel zu und betrachtete ihr Gesicht. Nur noch 2 weitere Stunden. Viel lieber wäre sie jetzt im Wald spazieren gegangen, hätte der Natur gelauscht. Stattdessen musste sie in der Schule schnöde Geschichte durchkauen und mit Fragen gelöchert werden. Sie seufzte. Mit einem letzten Blick in den Spiegel und einer kurzen Lächelübung ging sie wieder auf den Flur und machte sich auf die Suche nach der Cafeteria. Die Schule war so unglaublich groß, dass sie den Weg beinahe nicht mehr gefunden hätte, wären da nicht die anderen Schüler, welche ihr durch ihre Lautstärke schließlich die Richtung zur Cafeteria wiesen. An der Theke holte sie sich einen Apfel und eine Cola. Sie hatte keinen besonders großen Hunger.
Dann ging sie nach draußen. Es war ein schöner Tag. Nicht zu warm oder zu kalt. Genau richtig. Unter einem Baum stand eine kleine Bank, welche sie ansteuerte. Sie lag etwas abgelegen und der Baum warf einen großen Schatten darauf. Liz setzte sich, biss in ihren Apfel und begann ihre Mitschüler auf dem Hof zu beobachten. Es war das Übliche. Hier die Angesagten. Da die Looser. Liz zählte sich selber eher zu den Loosern. Sie war kein Cheerleader, trug keine knappen Miniröcke und Tonnen an Makeup und schon gar nicht hatte sie viel mit Jungs zu tun. Sie war halt einfach sie. Ganz normal, langweilig, still, zurückhaltend und gerne allein. Aber ein Looser zu sein hatte auch seine Vorteile. Man hatte seine Ruhe, sofern man natürlich nicht das Mobbingopfer Nr.1 war.
Elena, Stefan und Caroline gehörten sicher zu den Angesagten, aber vielleicht mehr zu der freundlichen Sorte, falls es so was gab. Zumindest Elena und Stefan. Bei Caroline war sie sich noch nicht ganz sicher. Sie war zu aufdringlich, zu neugierig und dabei kannten sie sich erst seit einigen Stunden.
Sie schluckte, als sie die drei sah, wie sie zu ihr herüber kamen. Bei ihnen war ein ebenso hübsches, dunkelhäutiges Mädchen mit dunkelbraunen, schulterlangen, welligen Haaren und strahlend braun-grünen Augen. Leider hatten sie sie schon entdeckt, fliehen war also zwecklos. Kurz bevor die Gruppe sie erreichte, griff Stefan Elenas Hand und flüsterte ihr Etwas ins Ohr. Dann ging er in eine andere Richtung davon. Nach der Richtung zu urteilen zu den Parkplätzen. In der Ferne sah sie sein Auto glänzend in der Sonne stehen. Dagegen lehnte sich jemand. Es war zu weit weg, um die Person genauer erkennen zu können. Das Einzige was Liz sagen konnte war, dass es ein Mann sein musste. Er war schlank und ganz in schwarz gekleidet und schien auf Stefan zu warten, welcher sich gerade seine Weg durch die Schülermassen hin zu seinem Auto bahnte. Als der Mann sich zu Stefan drehte sah Liz ein helles Blau aufblitzen, doch so schnell wie es aufgetaucht war, war es auch wieder verschwunden. Sie widerstand dem Drang sich die Augen zu reiben und den Mann anzustarren und riss sich los, zurück in die Realität, wo Elena und die anderen sich ihrer Bank näherten.
Sie setzte ein Lächeln auf und begrüßte sie. „Hier steckst du also“, sagte Elena und setzte sich neben Liz auf die Bank. „Ist Alles in Ordnung, du siehst blass aus“, erkundigte sich Elena sichtlich besorgt. Sie schien ehrlich freundlich zu sein. „Ja klar. Ich hab nur ein bisschen vor mich hingeträumt“, erwiderte Liz glaubwürdig. „Und von wem?“, fragte Caroline verschmitzt und neugierig. „Hm? Wie von wem?“ „Na von wem hast du geträumt, dass du so völlig starr in der Gegend rumgeglotzt hast?“, fragte Caroline nun etwas genervt, wo Liz doch anscheinend die offensichtliche Klarheit ihrer Frage übersehen hatte. „Von niemandem. Ich habe einfach nur so >rumgeglotzt<“, sagte Liz etwas verwirrt. „Aha. Ich tippe mal auf Single. Stimmt’s?“, sagte Caroline fröhlich zwitschernd. „Wieso?“ Liz rückte unsicher einige Zentimeter von ihr weg. Caroline hatte schon damit begonnen Liz eine ellenlange Liste an Namen von Jungs herunter zu rattern, welche ebenfalls Single wären, da griff das dunkelhäutige Mädchen nach Carolines Arm und sagte: „Komm schon Caroline. Vielleicht könnte sie erst einmal die Stadt ein bisschen kennenlernen, bevor du sie verkuppelst.“ „Nur weil du als Dauersingle glücklich bist, heißt das nicht, dass das bei allen anderen auch der Fall ist, Bonnie“, antwortete Caroline schnippisch. Liz lächelte Bonnie dankbar zu, während sie und Caroline sich langsam aber sicher mächtig in den Haaren lagen. Elena blickte entschuldigend zu Liz, während sie die beiden Streithähne beobachteten. Mit dem Pausenklingeln nahm der Streit zwangsweise ein Ende, auch wenn Caroline und Bonnie sich fortan nicht mehr ansahen und beleidigt schmollten.

Als der Schultag schließlich doch noch zu Ende ging und Liz sich von den Anderen, welche sich für die abendliche Party bei Caroline schick machen wollten, verabschiedet hatte, fiel sie nach einem kurzen Fußweg Zuhause auf ihr weiches Bett. Endlich vorbei. Glücklicherweise hatten sie keine Hausaufgaben bekommen und so hatte Liz den gesamten restlichen Tag frei. Nach einer kurzen Verschnaufpause überlegte sie, was sie mit ihrer Zeit machen könnte. Sie beschloss sich noch ein wenig die Umgebung von Mystic Falls, beziehungsweise, wenn sie ehrlich war, den Wald genauer anzusehen. Sie liebte die Abgeschiedenheit und im Wald würde sie am unwahrscheinlichsten auf Menschen treffen. Nachdem sie aus ihrer Tasche alles Unnötige entfernt hatte, machte sie sich unten in der Küche einen Becher Fertig-Kartoffelpüree. Sie war verrückt danach, auch wenn viele meinten, dass es grauenhaft und nach gar Nichts schmecken würde. Nach dem letzten Löffel schmiss sie Packung und Löffel jeweils in den Mülleimer oder das Waschbecken und ging aus dem Haus, dieses Mal ihre Straße hinauf, um auch die anderen Teile des Waldes kennen zu lernen. Überraschenderweise brauchte es nicht lange, bis sie wieder zu einem Ortsschild von Mystic Falls kam. Sie hatte nicht gewusst, dass sie so nah am Wald wohnte. Planlos ging sie erneut im Wald umher, über Stock und Stein, kletterte auf kleine Anhöhen und kraxelte in Senken. So begann sie die kleine Stadt zu umrunden. Zumindest ansatzweise.

Sie kam auf einer kleinen Lichtung an, welche sich nach wenigen Metern in Richtung von Mystic Falls öffnete und einen guten Blick auf die Stadt preisgab. Inzwischen ging die Sonne unter und am Horizont tanzte ein Farbenspiel der Nacht entgegen, während es immer dunkler wurde. Der Mond stand hoch am Himmel. Groß und rund, keine Wolke, die ihn verdeckte. Es war Vollmond. Liz kramte in ihrer Tasche nach ihrem Handy um ein Foto vom letzten Licht des Tages zu machen, da ertasteten ihre Finger etwas Kühles. Sie umschloss das Medaillon und zog es heraus. Dann hob sie es vor ihre Augen und positionierte es so, dass sich die letzten Sonnenstrahlen in dem eingelassenen Stein spiegelten. Er schien feuerrot zu glühen und Liz war so fasziniert von seiner Schönheit, dass sie das Rascheln hinter sich nicht bemerkte. So dunkel wie es war, wollte sie nicht mehr den langen Weg zurückgehen, sie hätte ihn wahrscheinlich nicht wiedergefunden. Also entschloss sie sich gerade aus direkt auf Mystic Falls zuzugehen. Es war der einfachste Weg sich nicht zu verlaufen. Langsam tastete sie sich den kleinen Abhang hinunter, der die Lichtung von dem Wald in Richtung Mystic Falls trennte und hielt die Kette dabei fest umklammert. Sie war nur wenige Schritte auf ebenem Untergrund gegangen, als sie das Rascheln schließlich bemerkte. Es war sehr leise. Kaum zu hören, doch da der Wald ansonsten mucksmäuschenstill geworden war, hob es sich deutlicher ab. Liz ging weiter und achtete auf das Geräusch. Etwas verfolgte sie im Dunkel des Waldes.

Sie blieb stehen und drehte sich vorsichtig im Kreis, um die Umgebung besser ausmachen zu können. Der Vollmond warf ein milchiges Schimmern auf ihr Haar als ein schwarzer Schatten urplötzlich aus dem Gebüsch schoss und nach ihrem Arm packte. Blut. Überall Blut. Das Tier lies ihren Arm los und beäugte sie, gierig auf seine Beute. Es war ein gigantischer Wolf. Er fletschte die Zähne, drohte ihr mit einem dumpfen Knurren. Liz zog ihren verletzten Arm an ihren Körper, die Kette immer noch in ihrer Hand und schob sich vorsichtig mit dem Rücken an einen Baumstamm. Sie machte keine Anstalten zu fliehen. Es war ihr egal. In diesem einen Moment würde alle Last von ihr abfallen. Das Leben, wenn man es für diesen kurzen Moment noch so nennen konnte, würde nicht mehr schmerzhaft sein, die Erinnerungen würden verfliegen, ausgelöscht vom Schleier des Todes.

Sie hielt ihren unverletzten Arm aus und versuchte den Wolf zu berühren, doch dieser zuckte zurück und war mit einem gewaltigen und unglaublich schnellen Satz wieder in der Düsternis verschwunden.

Liz betrachtete ihren blutigen Unterarm. Das Gebiss des Wolfes hatte sich tief in ihr Fleisch gegraben und sie konnte ihre Hand nur unter Schmerzen bewegen. Sie stütze sich vorsichtig am Baum ab und stand auf. Wenn sie sich nicht beeilte, würde sich die Wunde böse entzünden. Es wurde zunehmend kälter und dunkler und schon bald stolperte sie halbblind durch den Wald, hielt sich hie und da an einem Baum fest um nach Luft zu schnappen und anschließend in ihrem unerbittlichen Tempo weiterzulaufen.

Durch die Bäume sah sie die Lichter der Stadt näher kommen. Sie stachen ihr nach der unendlichen Dunkelheit schmerzhaft in die Augen. Sie musste stehen blieben und sie mit einer Hand schützen, ansonsten wären sie wahrscheinlich zersprungen vor Schmerz. Sie erkannte die Umgebung nur geringfügig. In einiger Entfernung erkannte sie die den Fahnenmast, welcher vor der Mystic Falls High stand und konnte sich so durch die Gassen des kleinen Ortes lotsen. Gottseidank war ihre Mutter auf einer Geschäftsreise. Dieses Ereignis hätte so ziemlich alles geschlagen, was Liz je verbrochen hatte oder ihr passiert war. Sie versuchte so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Sie hatte keine Lust Nerv tötende Fragen zu beantworten oder gar einem ihrer Klassenkameraden, beispielsweise Caroline, über den Weg zu laufen. Das würde nur eine nie endende Diskussion nach sich ziehen und darauf konnte sie im Moment dankend verzichten.

Die Straßen waren fast leer. Aus den Augenwinkeln sah sie einige schemenhafte Umrisse von Jugendlichen, welche gerade von einer Party kamen oder zu einer gingen. Liz hatte nie verstanden wie sie es schafften, am nächsten Tag trotzdem halbwegs ausgeschlafen und vor allem nüchtern wirkend in der Schule zu erscheinen, wo sie doch offensichtlich am vorrangegangenen Abend viel zu tief ins Glas geschaut hatten. Liz vertrug gar keinen Alkohol. Wobei sie auch nicht gerne welchen trank. Einmal zu Sylvester hatte ihr Vater ihr ein Glas Sekt gegeben. Ihr Schädel hatte noch Tage danach gedröhnt und sie hatte sich geschworen nie wieder Alkohol zu trinken.

Sie machte allgemein nichts extravagant rebellisches, wie Rauchen, Trinken, Kiffen oder Party machen bis der Arzt kommt. Sie trieb ihre Mutter mit ihren langen nächtlichen Spaziergängen durch die Wälder und ihrer Gleichgültigkeit in den Wahnsinn, wenn es denn zur Sprache kam. Ihre Mutter ließ sie meist in Ruhe. Sie traute sich offenkundig nicht, noch weitere "Fehltritte" zu wagen, wie dass sie ihren Vater verlassen und mit ihr umgezogen war, und somit das Verhältnis noch schlechter zu machen. Eben deswegen waren lange Firmenreisen und lange Arbeitstage perfekt für ihre momentane Situation, denn sie versprachen so wenig Kontakt wie möglich, auch wenn ihre Mutter hin und wieder den Versuch machte ein normales, belangloses Gespräch zu führen. Liz hasste ihre Mutter nicht. Sie kam im Moment einfach nicht mit ihr klar. So, wie mit vielem anderen nicht.

Endlich erreichte sie ihre Straße und schließlich ihre Einfahrt. Sie ging rasch ins Haus, ihren Arm fest an sich gepresst, versteckt unter ihrer Jacke, sodass das viele Blut nicht sofort zu sehen war, schloss die Tür hinter sich und sackte dagegen. Ihr Herzschlag beruhigte sich wieder. Der Wolf hatte einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie hatte nichts gegen das Sterben, doch diese Kreatur war so...so unbeschreiblich ängstigend, dass sie von nun an erst einmal nicht mehr bei Nacht durch den Wald schleichen würde. Vielleicht war es eins der Tiere, die für die Angriffe hier verantwortlich sein sollten. Es hatte auf jeden Fall die Macht eine ganze Stadt in Angst und Schrecken zu versetzen. Vielleicht war es aus demselben Rudel von dem Tier, welches die Polizei laut Stefan gefangen haben soll. Vielleicht will es Rache.

Sie ging in ihr Badezimmer und zog langsam die Jacke von der blutenden Wunde. Inzwischen waren die Ränder der Bissspuren pechschwarz geworden und eine schaumartige Flüssigkeit wurde daraus abgesondert. Diese Wunden waren so ganz anders als ein normaler Tierbiss. Vorsichtig wusch Liz die Wunden mit kaltem, klarem Wasser aus. Jeder Tropfen brannte wie Feuer, als ob es ihre Haut verbrennen wollte, während jemand oder etwas ihr langsam die Haut abzog. Sie biss die Zähne zusammen und keuchte, als die Wunde endlich einigermaßen sauber war. Nun glänzte sie milchig. Die Wunden verkrusteten und schimmerten blutrot und fleischig. Die Ränder sahen nach dem Trocken aus, wie mit Kohle nachgezogen, doch das Schwarz ließ sich nicht entfernen, egal wie schmerzhaft stark Liz auch schrubbte. Sie ging, ihren Arm vorsichtig vor sich haltend, in ihr dunkles Zimmer und setzte sich auf ihr Bett. Durch das Fenster schien der Mond hell, groß und vollkommen rund wie er war in ihr Zimmer hinein und das Licht streifte ihren verletzten Arm. Die Wunden schienen unter der Berührung der Strahlen kaum merklich zu schimmern und ein Farbenspiel zu entfachen. Sie zog ihren Arm langsam aus dem Lichtkegel und das Leuchten verschwand. Dann schob sie ihn wieder unter das Licht und die Wunden begannen erneut sanft mit dem Mond um die Wette zu strahlen. Was ist das? Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer, als sie begriff. Das da im Wald konnte kein normaler Wolf gewesen sein. Er war zu groß. Noch dazu hätte ein Wolf nicht so einfach von seiner Beute abgelassen. Außerdem bewies diese seltsame Wunde eindeutig, dass mit dem Tier etwas nicht stimmen konnte. Keine Bisswunde sah so aus. Wie verätzt. Verkohlt. Verbrannt. Verschmort. Sie blickte aus dem Fenster hinaus in den tief dunkelblauen Himmel an dem immer noch friedlich scheinend der Vollmond stand. Vollmond…
Sie wickelte ihren Arm in einige Lagen Bandagen ein, nachdem sie eine desinfizierende Salbe darauf geschmiert hatte, dann setzte sie sich an ihren Computer.
Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis endlich der Startbildschirm angezeigt und der Internetbrowser funktionsbereit war. Sie wartete einen Moment und ging ihre Schlussfolgerungen ein ums andere Mal durch, bis sie sich dazu durchrang die Buchstaben einzutippen. Mit einem Klick auf „Los“ startete der Suchlauf und schmiss tausende von Ergebnissen raus. „Werwolf-Mythos oder Realität?“, „Die Legende“ und sogar „Lykaner-Das neue Fantasygame-schließ dich den Werwölfen an“ zählten zu den etlichen Links auf der unendlichen Liste. Sie klickte auf einen Link. Er wirkte am vielversprechendsten. Der Browser öffnete eine komplett schwarze Seite, auf welcher nach und nach ein Text und Bilder geladen wurden. <Ein Werwolf, auch bekannt als Lycantrop(griech. Lukos,“Wolf“, anthropos, „Mann“) ist in der Mythologie und den Sagen ein Mensch, welcher sich in einen Wolf verwandeln kann. Der Mensch verwandelt sich entweder absichtlich beim nächsten Vollmond, wenn er zuvor von einem anderen Werwolf in die Halsschlagader gebissen wurde(das „Gift“ verbreitet sich so am stärksten im Körper, bei anderen Bisswunden kommt es in den seltensten Fällen zu einer Verwandlung, nur zu kurzzeitigem Unwohlsein einige Tage nach dem Biss) oder ein Fluch oder Zauber über ihn gesprochen wurde. Die Verwandlung wird mit dem Vollmond abgeschlossen.
Werwölfe besitzen neben ihrem wolfsähnlichen Aussehen übermenschliche Kräfte wie Schnelligkeit, Stärke und geschärfte Sinne. Werwölfe sind Gegenstand vieler Fantasygeschichten und Filme und noch heute ist der Glaube an sie weit verbreitet. Der natürliche Feind des Werwolfes ist der Vampir, welcher als Nahrung das Blut von Menschen saugt. Der Werwolf kann ihn mit einem Biss töten, da sein „Gift“ beim Vampir nicht zur Verwandlung, sondern zum Tode führt. Außerhalb des Vollmondes ist der Werwolf ein normaler Mensch und nur durch seine gesteigerten Fähigkeiten(welche jedoch bei Vollmond am größten sind) zu erkennen. Er…> Liz schloss die Seite und schaltete ebenso schnell den Computer wieder aus. Sie wusste nicht was sie sich dabei gedacht hatte. Werwölfe. Sie existierten nicht. Bei dem Wort Vampire hatte sie aufgehört, der Sache überhaupt noch einen ernsthaften Gedanken zu schenken. Es gab keine Vampire. Und auch keine Werwölfe. Das Tier im Wald war einfach sehr groß gewesen. Sie musste zugeben, sehr, sehr groß. Und so viel menschlicher als sie sich einen normalen Wolf vorgestellt hatte. Aber es konnte doch nicht möglich sein? Nein.
Sie schüttelte den Kopf um ihre Gedanken von dem ganzen Irrsinn frei zu machen. Ihr Arm pochte in der drohenden Stille des Hauses. Und wieso hatte es von Ihr abgelassen? Vielleicht war ein anderes Tier in der Nähe gewesen, was es erschreckt hatte. Aber welches Wesen wäre dazu in der Lage? Ein Vampir wäre es. Er war zwar durch einen Biss sofort tot, doch Liz wusste, dass man auch ihnen übermenschliche Kräfte nachsagte. Vielleicht größeren als die des Werwolfes. Nein. Liz zog sich um während sie sich zwanghaft bemühte nicht weiter über das Thema zu grübeln. Es war einfach nicht möglich. Sie legte sich in ihr Bett und bettete den verletzten Arm vorsichtig neben sich. Morgen würde sie sich sicherlich der neugierigen Caroline erklären müssen. Sie seufzte und stellte ihren Wecker. So erschöpft wie sie war, dauerte es nicht lange, bis sie in einen tiefen Schlaf versunken war.

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6 Kapitel 6: Unliebsame Begegnungen am Do März 29, 2012 11:33 am

Kapitel 6: Unliebsame Begegnungen

Rennen. So schnell wie möglich. So weit wie möglich. Nicht stehen bleiben. Weiter. Es kommt. Sie hörte die mächtigen Pfoten auf den Waldboden trommeln, in einem nie enden wollenden Rhythmus der ihr baldiges Ende verkündete. Die kalte Luft der Nacht stach ihr wie tausend Messer in die Lungen. Sie konnte kaum noch atmen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt von der Anstrengung. Jeder Muskel ihres Körpers brannte vor Erschöpfung und wollte sie zum Stehenbleiben verleiten. Doch sie wusste, wenn sie inne halten würde, wäre es ihr sicherer Tod. Die Blätter der Äste kratzten ihr ins Gesicht, die Äste bohrten sich in ihren Körper, als ob der Wald selbst sie aufhalten wollte. Sie rannte und rannte ohne sich umzudrehen. Sie wagte es nicht. Sie wollte nicht sehen, dass ihr Mühen eigentlich vergebens war, denn der Werwolf war ihr dicht auf den Fersen. Unerbittlich jagte er ihr durch das Dickicht hinterher. Folgte ihrer Spur. Sie hörte das Hecheln, meinte den Herzschlag förmlich zu spüren. Ihr eigenes Herz pochte wie verrückt um den Körper weiterhin mit Sauerstoff zu versorgen. Der Mond stand hoch am Himmel und blickte auf sie hinab als stiller Beobachter, ungerührt von dem bald erlöschenden Leben unter ihm.
Liz rannte und rannte. Sie konnte ihren Verfolger nicht abschütteln. Immer näher schien er ihr zu kommen, sein Hecheln, sein Stampfen, sein Herzschlag. Sie gelangte auf eine große Lichtung, hell beschienen vom Mondschein. Als sie sie halb überquert hatte, stolperte sie. Mit einem Aufschrei landete sie auf dem kalten, harten Boden. Sie versuchte verzweifelt sich wieder aufzurappeln, doch ihr Knöchel hab unter ihrem Gewicht nach. Sie tastete danach und spürte, wie er wärmer und dicker wurde. Wahrscheinlich war er verstaucht. Sie spürte wie die Schritte des Wolfes stoppten. Als sie sich zu ihrem Verfolger umdrehte sah sie in die goldgelben Augen, welche im Mondlicht beinahe wie die Sterne am Firmament funkelten. Sie schluckte. Sie wusste was gleich geschehen würde. Der Wolf schnupperte. Sog ihren Angstschweiß ein und knurrte. Liz grub mit ihren Händen vor Panik in den Boden, während sie auf das Unausweichliche wartete. Sie hatte Angst.
Doch das war nicht hauptsächlich wegen dem Werwolf oder der Tatsache, dass sie bald sterben würde und ihr zerfleischter Körper womöglich nie gefunden werden würde. Nein. Sie hatte viel größere Angst davor, dass sie nicht wusste, ob dieses Wesen eine Gespinst ihrer Einbildungen oder Realität war. Nicht einschätzen zu können, ob das was sie fühlte, sah, roch, hörte und schmeckte lies ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen, denn das war das Einzige, auf das sie sich immer hatte verlassen können. Ihre Sinne. Ihr Verstand. Nun wurde das Alles in Frage gestellt durch ein einziges Wesen.
Der Werwolf knurrte und setzte zum Sprung an. Liz schloss die Augen. Gleich würde sie wissen was Wirklichkeit war. Gleich würde sie entweder Schmerz oder die Erleichterung von Nichts spüren. Gleich würde sie Klarheit bekommen.
Es dauerte nur wenige Millisekunden. Kaum ein Augenschlag. Der Wolf stieß sich mit seinen mächtigen Hinterbeinen vom Boden ab und Sprang. Er riss weit das Maul auf und entblößte dabei sein gewaltiges Gebiss aus gefühlten tausend Reißzähnen, welche Alle den sicheren Tod brachten. Liz konnte nicht anders. Sie öffnete die Augen, denn sie wollte dem Tod ins Auge blicken. Ihr Ende miterleben.

Dann wurde Alles schwarz. Sie fühlte nichts mehr. Hörte nichts mehr. Sah nichts mehr. Roch nichts mehr. Schmeckte nichts mehr. Sie befand sich im Nichts. Der unendlichen Unendlichkeit. Kein Schmerz. Kein Licht, dass den Weg in den Himmel wies. Einfach nichts. Sie war Nichts. Körperlos. Gefühllos. Ohne Existenz. Es war wie eine Ewigkeit. Es gab keine Zeit. Sie wusste nicht, wie lange sie schon so war. Vielleicht schon immer. Vielleicht erst seit wenigen Minuten.
Ihre Gedanken waren seltsam dumpf und langsam. Sie bekam nichts Sinnvolles zusammen. Eine wirre Ansammlung an Worten und Lauten. Ihr Herz schlug nicht. Vielleicht hatte sie keins. Dort wo es gewesen wäre, war eine tiefe Leere. Inmitten des schwarzen Nichts kroch in großer Entfernung ein helles Etwas empor. Der Mond. So voll, schön und rund wie es nur in Träumen möglich ist. Makellos. Machtvoll. Er sog sie magisch an. Immer näher schien sie dem weißen Rund zu kommen, ohne dass sie einen Körper besessen hätte. Bald nahm er ihr ganzes Wahrnehmungsfeld ein.
Alles war hell. Grell und unangenehm stechend.
Sie schloss ihre Augen oder zumindest das, was sich anfühlte wie ihre Augen, um sich vor dem Licht zu schützen. Als sie ihre Augen vollkommen geschlossen hatte schien das Licht selbst durch ihre Lieder hindurch, brannte durch ihre Pupille einen Pfad der Verwüstung direkt in ihre Gedanken hinein. Sie kniff sie angestrengt zusammen, um so wenig Licht wie möglich hinein zu lassen. Unter völliger Anspannung wartete sie. Wartete, dass etwas passierte. Plötzlich hörte sie ein Klingeln. Zumindest glaubte sie eins zu hören, denn sie hatte ja eigentlich keine Ohren oder gar ein Trommelfell, welches die Schwingungen der Geräusche an ihr Hirn weiterleitete und sie somit „hören“ lies. Das Klingeln weckte vergessene Erinnerungen. Es schien näher zu kommen. Schon bald war es in ihrem Kopf. Es übertönte das Licht, lies sie alles andere vergessen, rüttelte ihr ganzes Wesen auf.


Liz schreckte hoch und schlug voller Panik auf den Wecker, welcher augenblicklich verstummte. Ihr Herz raste, ihr Atem war kurz und angestrengt. Ihr ganzer Körper war mit kaltem Schweiß überdeckt. Ihr Arm brannte. Verwirrt schaute sie sich um. Sie war in ihrem Zimmer. Es war kurz nach halb 7. Und sie musste zur Schule.
Mit zittrigen Beinen stand sie auf und stolperte ins Bad um sich fertig zu machen. Sie fühlte sich krank. Als ob sie tagelang nicht geschlafen hätte. Ihre Haut war eiskalt.
Der Traum war so real gewesen. Sie hatte den Waldboden wirklich gefühlt. Den Werwolf gerochen. Sein Hecheln gehört, die todbringenden Fangzähne gesehen. Doch es war Alles nur ein Traum gewesen. Sie schien langsam wirklich verrückt zu werden. Als sie sich fertig gemacht und etwas gegessen hatte, begutachtete sie ihren Arm. Die Wunden hatten sich über Nacht mit einer dicken Schicht Schorf verkrustet und die Ränder waren nun nicht mehr schwarz, sondern sahen aus, wie bei jeder anderen Wunde auch. Rosiges Fleisch schimmerte an den Stellen, wo der Schorf durch Liz panische Aufstehaktion aufgeplatzt war. Sie holte neues Verbandszeug aus dem Erste-Hilfe-Schrank, cremte die Wunden dick mit einer Wundheilsalbe ein und umwickelte sie schließlich fest mit einem weißen Verband. Wenn sie einen langen Pulli trug, würde man ihn kaum bemerken.
Sie schaute auf die Uhr und packte dann in neuer Panik ihre Tasche und rannte aus dem Haus. Sie sollte an ihrem zweiten Schultag nicht schon zu spät kommen.

In der Schule angekommen bemerkte glücklicherweise niemand den Verband und so musste sie keine lästigen Fragen beantworten. Caroline redete ununterbrochen von der gestrigen Party und dass sie einige gute Partien für Liz gefunden hätte. Bonnie versuchte vergeblich Caroline davon zu überzeugen, dass Liz vielleicht gar keinen Freund wollte, denn für Caroline war das das offensichtlich Größte und Wichtigste überhaupt im Leben einer Highschoolschülerin und Elena hielt sich größtenteils raus und redete mit Liz über den Unterricht, ob sie sich schon ein wenig eingelebt hatte und so weiter. Liz war froh darüber, dass wenigsten Elena und Bonnie halbwegs normal und ruhig waren. Caroline war hyperaktiv. Sie konnte unendlich reden, vor allem tausende Fragen stellen und Bemerkungen machen. Als es zur Pause klingelte, holten sie sich alle ihr Essen in der Cafeteria und setzten sich anschließend nach draußen in die Sonne. Liz zog eine kleine, schattigere Stelle vor. Sie hatte immer noch Kopfschmerzen von dem nächtlichen Traum. Sie aßen, sogar größtenteils schweigend, da Caroline damit beschäftigt war mit ihrem Freund Matt zu simsen. Er war aus familiären Gründen nicht in der Schule. Elena hatte ihr erzählt, dass seine Schwester Vicki ebenfalls ein Opfer der Tierangriffe geworden war und er und seine Mutter die Beerdigung organisierten.

Es klingelte zum Pausenende und Alle machten sich auf um wieder in den Unterricht zu gehen. Liz kramte in ihrer Tasche auf der Suche nach ihrem Portemonnaie. Sie wollte sich noch schnell eine Cola ziehen, denn ihr Hals fühlte sich an, als ob sie seit Tagen nichts getrunken hatte. Schließlich zog sie es aus den Tiefen ihrer Tasche und holte einige Münzen heraus. „Wow. Ist das deine?“, hörte Liz Caroline fragen. Sie drehte sich um. Caroline hielt die Kette in der Hand, welche sie im Wald gefunden hatte. Der Stein schimmerte blutrot unter dem Sonnenlicht. Liz streckte ihre Hand aus. „Oh. Danke“ Caroline gab sie ihr und fragte: „Warum trägst du sie nicht?“ Liz war gerade im Begriff die Kette wieder in ihre Tasche zu stecken und hob den Kopf. „Sie gehört eigentlich nicht mir. Ich habe sie gefunden.“ „Na und?“ Liz stutzte. Elena und Bonnie drehten sich um und kamen zu ihnen zurück, denn sie waren während ihrer Unterhaltung schon in Richtung Schulgebäude davongegangen. Nun betrachteten auch sie die Kette in Liz Hand voller Erstaunen. Liz hielt sie den dreien hin. „Habt ihr zufällig eine Ahnung wem sie gehört?“ „Wo hast du die gefunden?“, fragte Bonnie erstaunt. „Sie lag einfach auf dem Boden und ich dachte, dass sie vielleicht jemand vermissen könnte.“ „Nein. Tut mir leid. Ich habe diese Kette noch nie gesehen“, antwortete Bonnie. Auch Elena schüttelte entschuldigend den Kopf. „Gut. Wenn keiner weiß wem sie gehört, dann hat es auch keinen Sinn weiter nach dem Besitzer zu suchen. Das ist wie eine Nadel im Heuhaufen.“ Sie nahm Liz die Kette ohne ein weiteres Wort aus der Hand und stellte sich hinter sie.
Liz spürte das kalte Metall der Kette auf ihrer Haut und tastete nach dem Medaillon, welches nun um ihren Hals hing. „Aber..!“ Caroline stellte sich wieder vor sie und betrachtete die Kette zufrieden. „Wer’s gefunden hat, darf’s behalten.“ Ohne ein weiteres Wort ging sie zum Unterricht und Bonnie, Elena und schließlich Liz folgten ihr sichtlich irritiert. Liz nahm die Kette nicht ab. Sie mochte sie. Sogar sehr.

Der Unterricht zog sich gähnend lang hin. Stefan, der in letzter Sekunde aufgetaucht war, hatte offensichtlich eine Schwäche für Geschichte. Bei jeder Frage ging seine Hand erneut in die Höhe und immer gab er die korrekte Antwort. Nach Geschichte kam Mathematik dran. Wenigstens ein Fach, das sie gut beherrschte. Naturwissenschaften lagen ihr im Blut. Biologie, Chemie, Physik, all jene Fächer, in denen ihr logisches Denkvermögen gefragt wurde. Demnach ging es auch wesentlich schneller vorbei als die vorrangegangene Geschichtsstunde. Der Schultag war endlich vorbei und Liz machte sich auf den Heimweg. Da spürte sie, wie neben ihr ein Auto hielt. Elena winkte aus Stefans Wagen und die beiden bedeuteten ihr einzusteigen, um sie nach Hause zu bringen. Liz stieg ein und Stefan brauste los. Schon nach wenigen Minuten hielten sie vor ihrem Haus und Stefan stieg aus um Liz die Tür zu öffnen. Liz empfand das als völlig unnötig, doch es schien im Spaß zu machen. Sie wartete, bis er die Tür geöffnet hatte, dann stieg sie aus. Plötzlich bemerkte sie, wie etwas an ihr zog. Ihr Taschengurt hatte sich irgendwo verhakt und zog sie zurück. Sie schwankte gefährlich nach hinten und ruderte mit den Armen nach vorne, um nicht zu fallen. Stefan griff nach ihrem Arm um ihr zu helfen. Sein fester Griff schloss sich um ihren verbundenen Unterarm und Liz entwich ein kurzer Schmerzensschrei, während sie spürte, wie die Wunden wieder aufplatzten. „Was ist passiert?“ fragte Stefan besorgt. Elena stieg rasch aus dem Auto aus und beäugte Liz besorgt. Liz keuchte und riss sich zusammen. Sie zog ihren Arm weg. „Nichts. Alles ok“, sagte sie, doch in diesem Moment konnte sie einfach nicht gut genug lügen. Jeder Trottel hätte bemerkt, dass Etwas nicht stimmte. Reflexartig zog sie ihren Arm hinter ihren Rücken. Stefans Augenbrauen bildeten nun eine durchgezogene Linie, so sehr hatte er sie zusammengezogen durch seinen besorgten Blick. Elena trat näher heran. „Was ist mit deinem Arm?“ „Gar nichts. Er hatte nur ein wenig zu stark zugegriffen. Das ist Alles“, sagte Liz mit dem Anflug eines abschätzigen Lächelns. Die beiden schienen ihr nicht zu glauben. Stefan kam einen Schritt auf sie zu und griff nach ihrem Oberarm. Mit unglaublicher Kraft drehte er ihren Arm nach vorne und schob den Ärmel ihres Pullovers vorsichtig nach oben. Liz biss die Zähne zusammen. Stefan und Elena stutzten, als sie den weißen Verband sahen, welcher nun mit Blut und Eiter befleckt war. Ohne zu fragen wickelte er den Verband mit einer steinernen Miene ab. Lage um Lage fiel der Verband und offenbarte schließlich die tiefen Bisswunden auf ihrem Unterarm. Stefan schreckte zurück und rümpfte die Nase. „Oh mein Gott! Elizabeth! Dein Arm!“ schrie Elena auf.
Stefan hatte sich wieder gefasst und betrachtete die Wunden genauer. „Wie ist das passiert?“ fragte er. Liz zögerte und überlegte, welche Geschichte am plausibelsten und glaubwürdigsten sein würde. „Ein Hund hat mich gestern gebissen. Als ich im Wald spazieren war.“ „Ein Hund?“ erwiderte Stefan ungläubig. „Ja. Er sprang plötzlich aus dem Gebüsch und riss mir nachdem er mich gebissen hatte mein Essen aus der Hand.“ Nun guckte auch Elena nachdenklich. Würden sie ihr die Geschichte abkaufen? „Du solltest Sheriff Forbes davon erzählen. Sie ist Carolines Mum. Wenn es stimmt was du sagst, sind wieder wilde Tiere in der Gegend und die Bewohner von Mystic Falls könnten wieder angegriffen werden. „Ja. Das mach ich gleich morgen“ antwortete Liz. Natürlich würde sie Scheriff Forbes kein Sterbenswörtchen von der Wahrheit erzählen. Sie würde ihr nie glauben was sie tatsächlich gesehen hatte. Sie würde sich mit dem wildgewordenen Hund begnügen müssen.

Stefan ließ ihren Arm los. Er schien abwesend zu sein. Wortlos tauschte er mit Elena seine Gedanken aus. Wieso beschäftigte sie diese Sache so sehr? Wussten sie etwas? „Ok. Wir sehen uns dann morgen“ sagte Stefan und setzte sich mit Elena wieder ins Auto. „Bis morgen“ sagte Liz und winkte als die Beiden schließlich davon fuhren. Sie seufzte. Sie ging ins Haus, kochte sich etwas zu Essen und setzte sich schließlich an ihre Hausaufgaben für Mr. Saltzman. Er hatte ihnen dutzende Blätter gegeben, aus denen sie die wichtigsten geschichtlichen Daten für die Entstehung von Mystic Falls herausschreiben mussten. Es war eine langweilige und unendliche lange Arbeit. Als es draußen schließlich schon dunkel wurde war sie endlich fertig.
Sie räumte ihre Schulsachen weg und wollte sich gerade aufs Sofa setzen um ein bisschen fernzusehen als es an ihrer Haustür klingelte.
Stöhnend stand sie auf. Wer konnte das so spät noch sein? Sie warf einen Blick durch den Türspion und sah eine breitgrinsende, aufgetakelte Caroline und Bonnie und Elena vor der Tür stehen. Sie ahnte Schlimmes, als sie die Tür öffnete. „Hi“ sagte sie, erneut mit ihrem aufgesetzten Lächeln, denn im Moment hatte sie wirklich gar keine Lust auf Besucher. „Hi“ erwiderte Caroline. Bonnie und Elena lächelten Liz zu. Elena besorgter als sonst. Hoffentlich grübelte sie nicht immer noch über die Bisswunde nach und würde weitere Fragen stellen. Caroline unterbrach ihre Gedanken. „Wir haben beschlossen, dass…“ Bonnie räusperte sich vernehmlich. Caroline warf ihr einen bösen Blick zu. „Ich habe beschlossen, dass du heute nicht nur Zuhause rumsitzen wirst. Du kommst heute mit uns mit.“ Liz war verwirrt. „Was?“ „Du kommst heute mit uns ins Grill. Feiern. Du kannst nicht die ganze Zeit hier rumsitzen“ sagte sie und deutete ins Innere des Hauses. Liz schluckte. Sie war kein Partymensch. Nie gewesen. Sie versuchte sich rauszureden, wie sie es schon gestern geschafft hatte. „Ach weißt du, ich hab noch verdammt viel zu tun. Kisten ausräumen und so…“ „Das kann auch mal einen Abend warten. Du bist jung. Amüsier dich. Sonst findest du nie einen Freund.“ Caroline schien einen wirklichen Pärchen-Komplex zu haben. „Komm schon. Es wird dir gefallen“ sprang Bonnie ein. Auch sie noch. Liz seufzte. Elena schwieg die ganze Zeit. Von ihr konnte sie dieses Mal keine Hilfe erwarten.

Wenn sie sich jetzt wieder abgrenzen würde, wäre ihre angehende Freundschaft mit Caroline bald vorbei, was vielleicht auch bedeuten könnte, das Bonnie und Elena irgendwann Nichts mehr mit ihr Zutun haben wollten. Wenn es darauf hinaus lief, wäre sie der ewige Einzelgänger in der Schule und sie wusste, wie schwer es war die Schule ohne Freunde oder zumindest Mitschüler mit denen man hin und wieder redete durchzustehen. Sie erinnerte sich nur zu gut an die Zeit, als sie von ihrer Freundin als Verräterin bloßgestellt und von all ihren ehemaligen Freunden gemieden worden war. Das wollte sie nie und nimmer noch einmal erleben. Und um das zu verhindern…

„Na gut. Ich komm mit.“

Caroline schien einen kleinen Hüpfer zu machen. „Ich zieh mich nur kurz um. Könntet ihr kurz warten?“ Sie ging ins Wohnzimmer und Bonnie und Elena folgten ihr, doch Caroline blieb wie angewurzelt vor der Tür stehen. „Caroline? Warum kommst du nicht rein?“ fragte Liz verwundert.

Caroline schien mit irgendetwas Unsichtbaren zu ringen. Dann lächelte sie und sagte: „Ich bin halt höflich. Ich warte bis man mich einläd.“ Liz stutzte ob der seltsamen Antwort.

„Wie du meinst. Komm bitte herein“ sagte sie und wies auf das Wohnzimmer. Caroline setzte ihren Fuß mit offensichtlicher Erleichterung über die Türschwelle, nachdem die Einladung Liz Lippen entronnen war und setzte sich neben Elena und Bonnie auf das große Sofa. Liz ging schnell nach oben in ihr Zimmer und suchte nach einigen Klamotten, die sie anziehen könnte. Schließlich entschied sie sich für eine dunkelblaue Jeans, ein schwarzes Top und eine schwarze Kapuzenjacke. Dazu suchte sie sich ihre schwarzen Chucks raus. Ihre Lieblingsschuhe. Sie hatte immer ein Paar auf Vorrat, falls das alte kaputt gehen würde.

Anschließend ging sie wieder nach unten, wo die drei warteten. Bonnie und Elena waren ohne eine weitere Bemerkung aufgestanden, doch Caroline beäugte Liz Outfit kritisch. Sie sagte Nichts, aber Liz wusste, dass sie DAS nicht als passendes Outfit für eine Party ansah. Aber Liz war es egal. Sie hatte keine Lust sich aufzubrezeln. Sie war selten geschminkt, denn glücklicherweise waren ihre Wimpern nicht ein Hauch von Nichts ohne die Tonnen an Wimperntusche, welche sich die anderen Mädchen täglich verabreichten. Sie hatte tiefschwarze, volle und lange Wimpern. Eine der wenigen Dinge, mit denen sie an sich voll zufrieden war. Caroline hatte sich nach einem ernsten Blick von Bonnie anscheinend dafür entschieden Outfit Outfit sein zu lassen und das Beste aus dem Abend zu machen.

Sie gingen aus dem Haus, nachdem Liz noch rasch ihre Tasche mit Handy und Portemonnaie gegriffen hatte. Sie schloss die Tür hinter sich ab und stieg zu den anderen in Carolines Auto.

Bereits nach wenigen Minuten hielten sie vor dem Grill und laute Musik schallte aus dem kleinen Lokal. Liz graute es jetzt schon vor den betrunkenen und feiernden Jugendlichen. Doch es blieb ihr nichts Anderes übrig, als auszusteigen und den anderen Dreien zu folgen.

Während die Nachtluft recht erfrischend und kühl gewesen war, war es im Grill selbst stickig und rappelvoll. Überall saßen und tanzten Mitschüler und Leute, die Liz nicht kannte. Tranken, aßen, quatschten und ließen, um es wohl am treffendsten zu sagen, die Seele vollkommen im Rausch des Alkohols baumeln.

Sie quetschte sich durch die Menge und kam endlich an dem Tisch an, an welchem sich auch Caroline, Bonnie und Elena niedergelassen hatten. Kurz darauf setzte sich Stefan zu ihnen. Liz spürte, wie er ihr immer wieder gleichsam besorgte und nachdenkliche Blicke zuwarf. Ein Kellner kam an ihren Tisch und nahm ihre Bestellungen auf. Caroline warf sich ihm und den Hals und es war unverkennbar, dass er ihr Freund Matt sein musste. Anscheinend arbeitete er trotz der anstehenden Beerdigung seiner Schwester. Caroline stellte sie einander vor und er nickte Liz freundlich zu. Sie erwiderte das Lächeln. Dann verschwand er um ihnen wenig später ihre Getränk zu bringen. Da er nicht bleiben konnte, denn das Grill platzte förmlich aus allen Nähten vor bestellenden Gästen, widmete sich Caroline schon bald ihrer neuen Lieblingsbeschäftigung „Liz-verkuppeln“. Sie zeigte auf unzähligen Jungen in dem Lokal, erzählte irgendwelche total oberflächlichen Fakten und fragte Liz anschließend nach ihrer Meinung. Doch Liz hatte sich vorgenommen ihre Versuche beharrlich zu ignorieren. Sie wollte nicht verkuppelt werden. Für die Liebe hatte sie seit ungefähr einem halben Jahr nicht mehr viel übrig. Sie war ihr egal geworden.

Bonnie quatschte mit Elena, Stefan hatte sich mit Tyler Lockwood, ebenfalls einem Jungen aus ihrem Jahrgang, an den Billardtisch verzogen. Caroline berieselte Liz mit Vorschlägen und irgendwann wurde es ihr zu viel. „Ich muss mal kurz auf die Toilette“ sagte Liz in die Runde und ging rasch in Richtung der WCs, während Caroline, der ihr augenscheinlicher Fluchtversuch nicht entgangen war, ihr etwas beleidigt hinterherblickte. Auf der Toilette spritzte sie sich eine Hand voll eiskaltes Wasser ins Gesicht. Nur noch ein zwei Stunden. Dann würde sie ohne weiteres Aufsehen gehen können. Sie wartete einige Minuten, um wenigstens vorzutäuschen, dass sie wirklich auf die Toilette gewollt hatte, dann ging sie wieder hinaus ins Lokal. Sie fixierte den Tisch, an dem sie Alles saßen und bemerkte, dass Caroline nicht mehr da war. Sie fand sie in einer Ecke mit Matt und sie war offenbar zu abgelenkt, um Liz Rückkehr zu bemerken und sie erneut zu bombardieren.
Sie ging zur Theke und bestellte sich eine Cola. Auch wenn sie selber kaum ein Wort gesprochen hatte, hatte sie die Diskussion mit Caroline ganz schön ausgetrocknet. Sie setzte sich auf einen der Barhocker und genoss die eiskalte Cola. Sie bemerkte drei Typen, die sie seltsam beäugten. Schnell drehte sie sich weg um ihren Blicken auszuweichen. Als sie ausgetrunken hatte und sich umdrehte, um wieder zu Bonnie und Elena zu gehen, hörte sie, wie ein Mann neben ihr sie ansprach. Seine Stimme schickte ihr einen Schauer über den Rücken und lies sie in ihrer Bewegung inne halten. „Woher hast du diese Kette?“ Sie drehte sich, um sehen zu können, mit wem sie sprach. Zuerst fand sie das eisige Blau, einige Zentimeter über ihren eigenen Augen. Dann sah sie das wohlgeschnittene Gesicht, die dunklen Haare und das pechschwarze Hemd, welches sich eng an seinen Körper schmiegte. Er sah unverschämt gut aus. Das musste Liz zugeben. Dennoch verstand sie seine Frage nicht. „Wie bitte?“ „Ich fragte, woher du diese Kette hast“ sagte der Mann ihr gegenüber. Seine Lippen bildeten die Worte mit solcher Vollkommenheit, dass Liz sie einen Moment sprachlos betrachtete. Ein unverschämtes Lächeln umspielte seinen Mund, als er ihren Blick bemerkte. Sie riss sich schnell zusammen und antwortete. „Ich habe sie gefunden.“ „Sie gehört mir“ sagte er in einem schroffen, gebieterischen Ton. „Gib sie mir zurück.“ Bei diesen Worten blickte er ihr direkt in die Augen. Eisiges Blau. Sie schienen sich zu verändern, sie in sich aufzusaugen. Liz war gerade im Begriff die Kette ohne weitere Proteste abzumachen und sie ihm zu geben, warum genau wusste sie nicht, da stellte sich eine Person mit blonden Locken vor sie. Es war Caroline. „Damon. Was soll das?“ „Caroline. Wie schön dich zu sehen. Ich wollte mir nur mein Eigentum zurückholen. Das ist Alles“ sagte er mit einem herablassenden, verhöhnenden Unterton in der Stimme. Liz Kopf wurde wieder klarer, während Caroline und der Fremde, er hieß offenbar Damon, sich böse anfunkelten. Sie wunderte sich über ihr Verhalten. Warum hatte sie ihm die Kette so plötzlich ohne Widerworte geben wollen?

Caroline schien nicht locker zu lassen. „Gut. Wenn diese Kette also angeblich dir gehört, wo hast du sie dann verloren?“ fragte sie Damon schnippisch.
Damons Augen wurden plötzlich dunkel und ein leises Grollen entfuhr seiner Kehle. Er schien sehr wütend zu sein. Dann wurde er wieder normal. „Das geht dich zwar nichts an, aber ich habe sie im Wald verloren. Bei einem Spaziergang.“ Er blickte zu Liz, als ob die Sache damit geklärt wäre und streckte seine Hand aus. Doch Caroline war noch nicht zufrieden. Sie wollte ihn offensichtlich unbedingt zur Weißglut treiben. Sie wandte sich Liz zu. „Liz, stimmt das? Hast du die Kette im Wald gefunden?“ Liz wusste nicht warum, aber wenn diese Kette wirklich ihm gehörte, dann musste er etwas wissen und die Kette war der Schlüssel dazu. Ihr einziger Weg, den ganzen Irrsinn endlich aufzuklären. Also log sie. „Nein. Sie lag auf der Straße.“ Damon schien ihre Antwort gar nicht zu gefallen und nun durchbohrte er sie förmlich mit seinen eisblauen Augen. „Gib mir die Kette.“ Immer tiefer sogen sie sie ein. Eisiges Blau. Ihre Hand fuhr erneut zur Kette um ihren Hals, als plötzlich Stefan hinter Damon stand. Er wirkte angespannt und murmelte Damons Namen kaum vernehmbar. Auch Caroline, die sich nun noch mehr zwischen ihn und Liz gestellt hatte, sagte „Damon“, so leise, dass es auch nur eine Einbildung gewesen sein konnte. Damon fixierte Liz weiter, doch, warum auch immer, war ihr wieder bewusst geworden, dass sie Damon die Kette nicht einfach so geben wollte. Sie ließ ihre Hand sinken und grübelte über ihren seltsamen Sinneswandel. Damon stand da mit einem Gemisch aus Wut und…Liz war sich nicht sicher ob sie es wirklich richtig deutete… Erstaunen an. Irgendetwas an ihr schien ihn zu verwundern. Ihr wurde immer unbehaglicher zu mute, während er sie stillschweigend studierte und weiterhin mit seinen eisblauen Augen versuchte in seinen Bann zu ziehen. Noch einmal streckte er seine Hand verlangend aus, doch Stefan hielt sie fest und bedeutete Damon schweigend, dass er ihm folgen sollte. Die Beiden machten sich in eine Ecke der Bar davon. Caroline folgte ihnen ohne weiter auf Liz zu achten. Liz stand bedröppelt da. Sie verstand nicht was gerade geschehen war.
Nach einigen Minuten vergeblichen Nachdenkens ging sie zu Bonnie und Elena zurück an ihren Tisch. Die beiden fragten wo sie so lange geblieben war und sie leierte sich eine Telefonat mit ihrer Mutter aus dem Ärmel, welche ja gerade auf einer Geschäftsreise war. Sie hakten nicht weiter nach und begannen erneut über momentan für Liz völlig belanglose Dinge zu sprechen. Nach einer weiteren Stunde hielt sie es nicht mehr aus. Ihr war der Spaß, wenn man es überhaupt so nennen konnte, gehörig vergangen. Sie wollte nur noch nach Hause. Sie begann theatralisch zu gähnen und sagte schließlich: „Ich glaub, ich geh langsam. Ich bin müde.“ Sie stand auf. Bonnie und Elena winkten ihr hinterher, als sie sich durch die Menschenmengen zum Ausgang quetschte. Draußen war es wieder angenehm kühl. Die frische Luft befreite ihren Geist. Sie sog sie in vollen Zügen ein und ging los. Der Himmel war pechschwarz und nach der nächsten Kurve waren die Musik vom Grill nur noch schwach zu hören. Die Straßen waren menschenleer. Liz genoss das Alleinsein. Dann hörte sie hinter sich Schritte. Jemand folgte ihr. Sie beschleunigte ihre Schritte immer mehr, doch ihr Verfolger ebenfalls. Hinter der nächsten Ecke drehte sie sich um und blickte direkt in die Augen von…Damon. Ihr Mund klappte weit auf vor Verwunderung. Warum verfolgte er sie? Sie schloss ihn wieder, als es ihr schließlich dämmerte. Die Kette. Sie griff danach und umschloss das Medaillon mit ihren Fingern, sodass es vor seinem Blick verborgen wurde. Ein unverschämtes Grinsen umspielte seine Mundwinkel, als er erkannte, dass sie verstanden hatte. „Ich will sie zurück“ sagte er in dem gleichen befehlenden Ton, mit welchem er schon im Grill versucht hatte sie zu überzeugen. Liz ging einen Schritt zurück. „Nein.“ Ihre Stimme zitterte ein wenig. Er nahm einen Schritt in ihre Richtung. „Nun ich werde Nein als eine Antwort nicht gelten lassen fürchte ich. So langsam ging ihr sein Gehabe auf die Nerven. Vielleicht wurde sie ein wenig zu überdrüssig als sie sagte: „Tut mir leid für dich. Ich werde sie dir nicht geben.“ Er ballte die Fäuste und seine Nackenmuskulatur spannte sich. Erneut entfuhr seiner Kehle ein bedrohliches Grollen, doch Liz ließ sich nicht einschüchtern. „Wie hast du sie verloren? Die Kette meine ich“ fragte sie und hob das Medaillon ein wenig an. Die kühle Nachtluft schien ihren Geist vernebelt zu haben, so dreist traute sie sich diesen bedrohlichen Typen anzusprechen. Sie konnte sich ihren Mut nur durch ihre unglaubliche Wissbegierde wegen der Kette und den Geschehnissen im Wald erklären. Ihre Neugier hatte sie schon einige unschöne Momente zu verdanken und auch diese Begegnung schien nicht auf das Beste hinauszulaufen. Sie schluckte, doch jetzt konnte sie keinen Rückzieher mehr machen. Er würde ihre Schwäche womöglich sofort ausnutzen. Sie wartete auf seine Antwort. Er ließ sich lange Zeit, während sein Blick immer wieder von ihrem Gesicht zu der Kette wanderte. „Bei einem Spaziergang“ sagte er schließlich.

Liz lachte auf. Sie hatte es nicht zurückhalten können. „So sah es für mich aber nicht aus“ sagte sie. „Es spielt keine Rolle, wie ich sie verloren habe. Sie gehört mir.“ Sie nahm einen weiteren Schritt rückwärts. Und noch einen. Plötzlich stieß sie mit ihrer Ferse an die Hauswand. Sie schluckte und bemerkte, dass sie in der Falle saß. So gab es keine Fluchtmöglichkeit für sie.

Vielleicht konnte sie ihn ablenken. „Was ist im Wald passiert?“ „Nichts“ sagte er und trat noch einen Schritt näher. Nun war er nur noch wenige Zentimeter von ihr entfernt und stemmte seine Hände rechts und links von Liz gegen die Wand. „Nach Nichts sah das für mich aber nicht aus“ sagte sie, als sie erneut der Übermut packte. „Ich habe Alles gesehen. Das ganze Blut. Was ist da passiert?“ Damon stöhnte auf. „Mir bleibt wohl nichts Anderes übrig. Damit das klar ist, das ist nicht meine Schuld.“ Liz runzelte die Stirn. Was meinte er damit? „Wie meinst du das?“ Plötzlich begannen sich seine Augen zu verändern. Das Blau wurde nun noch kälter, beinahe weiß und die Adern um seine Augen weiteten sich und färbten seine Lieder pechschwarz. Seine Haut, die ohnehin schon sehr hell war, wurde nun aschfahl und wirkte wie makellos weißer Granit. Unzerstörbar. Liz verstand nicht was geschah. Sie brachte nur bruchstückhaft einige Worte heraus. „Dein Gesicht….“ Ein Anflug von Besorgnis überkam sie und sie streckte eine Hand nach ihm aus.

Offenbar hatte sie Todessehnsucht.

Da sah sie hinter Damon drei dunkle Gestalten. Sie zog ihre Hand wieder zurück und konzentrierte sich auf die Dunkelheit, um sie genauer erkennen zu können. Als Damon bemerkte, dass sie ihm offensichtlich keine Beachtung schenkte drehte er seinen Kopf um zu sehen, was ihre Aufmerksamkeit errungen hatte.

Die drei kamen immer näher auf die Beiden zu. Liz erkannte, dass zwei Pistolen und einer ein Messer in der Hand hielt und die Waffen auf sie gerichtet waren. Sie wurde stocksteif. Der Tag musste verflucht sein.

Sie kannte die drei. Genau. Es waren die Männer aus dem Grill, die sie an der Bar beobachtet hatten. Unwillkürlich klammerte sie sich in Damons Hemd. Er drehte sich nun vollständig zu den drei Neuankömmlingen um. Sein Gesicht wieder ohne die aschfahle Haut und die schwarzen Augenringe.
Einer der drei begann zu sprechen. „Tut uns wirklich leid, dass wir euch stören. Es dauert auch bestimmt nicht lange.“ Seine höhnische Stimme klang Liz in den Ohren und sie ahnte Schlimmes. Er wedelte mit seiner Pistole und deutete auf sie beide. „Her mit dem Geld. Schmuck. Wertsachen. Ein bisschen plötzlich.“ Liz schluckte. Der Andere mit dem Messer beäugte sie von Kopf bis Fuß. Sie griff widerwillig zu ihrer Tasche und wollte sie gerade in Richtung der Bande werfen, als Damon seine Stimmte erhob. „Ihr hättet euch kein schlechteres Opfer aussuchen können.“ Unbegreiflicherweise lächelte er. „Ihr solltet besser verschwinden. Glaubt mir, dann lebt ihr länger.“ Der erste Mann mit der Waffe brüllte beinahe und richtete seine Waffe auf Damons Kopf. „Red keinen Scheiß. Her mit dem Geld.“ Der Mann, der sie die ganze Zeit schon so komisch angesehen hatte, begann nun ebenfalls mitzumischen. „Das Mädchen nehmen wir auch mit.“ Ihr Herz schien stehen geblieben zu sein. Nein. Damon ging zur Seite. „Die ist mir egal.“ Liz glaubte nicht, was sie da hörte. Sie blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Gut. Er mochte sie vielleicht nicht besonders, vielleicht hasste er sie sogar, aber er konnte doch nicht wirklich Nichts dagegen haben, dass dieses drei Typen sie mitnahmen und wer weiß was mit ihr anstellten.

Ungläubig trat auch sie einen Schritt von ihm weg. Er ist ein Monster in Menschengestalt. Der zweite Mann mit der Pistole nutzte die Gelegenheit und packte ihren Arm. Er hielt ihr das an die Kejöe und schleifte sie zurück zu seinen Komplizen. Liz schauderte, als er sich an sie presste und in einem Klammergriff zurückhielt. Sie spürte die kalte Klinge an ihrem Hals, welche kurz davor war ihr ins Fleisch zu schneiden. Damon hatte das Ganze still beobachtet. Nun wandte er sich wieder an den Ersten. „Gebt mir die Kette. Das Mädchen könnt sie haben.“ Er schaute Liz nicht einmal an. Sie wollte protestieren, doch der Zweite drückte ihr sein Messer nur noch fester an die Kehle.

Der Erste schien das Ganze abzuwiegen und blickte von Liz und der Kette zu dem regungslosen Damon. Er wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als der Zweite ihm zuvor kam und nach der Kette um Liz Hals griff. „Ich glaube…“ begann er, „die behalten wir auch.“ Bei seinem hämischen Grinsen verfinsterte sich Damons Gesicht. „Ihr habt es nicht anders gewollt.“ Dann begann Alles wie im Schnelldurchlauf. Damon war nur noch ein schwarzes unbestimmtes Etwas, welches sich mit unglaublicher Geschwindigkeit auf den ersten Mann zubewegte und ihn mit ungeheurer Wucht in die nächstgelegene Häuserwand stieß. Der Mann schrie schmerzerfüllt auf und sackte in sich zusammen.

Damon kam nun auf sie und ihren Entführer zu. Langsam nahm er einen Schritt nach dem anderen und seine Miene verfinsterte sich immer mehr. Seine Augen waren wieder kalt und erneut wurde die umliegende Haut leicht schwarz. Der Mann zog Liz mit sich mit, als er zurückstolperte. Seine Stimme zitterte, während er einen kurzen Blick auf seinen verletzten Komplizen warf. Der Dritte stand regungslos da. „Ich bring sie um!“ schrie der Mann ihr ins Ohr und bespuckte dabei ihr Gesicht mit Speicheltröpfchen. Damon lachte abschätzig. Es war im augenscheinlich egal, was mit ihr passierte. „Gib mir einfach die Kette. Dann muss keinem Etwas passieren.“ Doch der Mann schien größenwahnsinnig zu sein. Er riss Liz die Kette mit einem kräftigen Ruck vom Hals und schnitt ihr dabei durch eine unsachte Bewegung mit dem Messer in den Hals. Der Schnitt war glücklicherweise nicht tief und hatte ihre Halsschlagader verfehlt. Dennoch floss eine erhebliche Menge an Blut heraus und befleckte ihre Kleidung. Damon zuckte unwillkürlich und stierte auf das herausquellende Blut.

Plötzlich fielen mehrere Schüsse. Damon sackte in sich zusammen. Er war in der Schulter, den Beinen und der Brust getroffen. Der dritte Kerl hatte die Chance der Ablenkung genutzt und versucht ihn zu töten. Damon krümmte sich vor Schmerzen am Boden. Es war ein Wunder, dass er noch lebte. Blut bedeckte den Asphalt und schimmerte. Ihr Entführer war für einen kurzen Moment genauso fassungslos wie sie und ließ die Klinge sinken. Liz sah ihre Chance und entwand sich dem Klammergriff. Der Mann versuchte nicht einmal sie wirklich aufzuhalten, so verdattert stand er da. Er hatte anscheinend nicht damit gerechnet, dass sie wirklich jemanden ernsthaft verletzen würden.

Liz stolperte zu dem am Boden liegenden Damon und versuchte ihn aufzurichten. Sie stemmte sich gegen seine Schulter und fasste nach seinem Gesicht. „Komm hoch. Wir müssen hier weg.“ Sie musste wahnsinnig sein. Vor Kurzem war er es noch gewesen, der sie bedroht hatte, vor dem sie am liebsten schreiend davon gelaufen wäre und nun wollte sie ihm helfen zu fliehen. Damons atmete schwer. Sie tastete nach den Schusswunden und riss das Hemd an den Stellen auf, wo die Kugeln es durchbohrt hatten. Sie sah die blutenden Schusswunden. Glücklicherweise waren es Alles glatte Durchschüsse gewesen. Dennoch war ein Treffer nahe seinem Herzen sehr kritisch. Wenn er nicht bald versorgt würde, würde er wahrscheinlich nicht überleben.

Doch plötzlich veränderten sich die Wunden. Sie zogen sich zusammen und weißer Rauch stieg von ihnen auf. Es schien, als ob ihre Heilung um ein vielfaches beschleunigt wurde. Damons Atem wurde wieder langsamer und kontrollierter. Sie blickte in sein Gesicht und sah, dass es nun noch stärker verändert war. In seinen Augen schienen tausend kleine Äderchen geplatzt zu sein. Seine Haut spannte sich straff über seine Knochen. Er knurrte während er den Dritten, der ihn angeschossen hatte, anfunkelte. Er wollte ihn töten. So viel war sicher.

Liz bemerkte, dass der erste Mann wieder zur Besinnung gekommen war und sich aus dem Staub machte. Seine Augen bei dem Anblick Damons angstverzerrt geweitet. Sie hechtete von Damon fort zu der Stelle, an der der Mann am Boden gelegen hatte, und griff nach seiner Waffe. Der Typ mit dem Messer knapp hinter ihr. Er hatte noch nicht aufgegeben. Sie erwischte den Knauf der Waffe und drehte sich um. Sie stand ihrem Verfolger nun direkt gegenüber. Dieser wedelte bedrohlich mit seinem Messer um sich, doch Liz hatte nun mit der Pistole in der Hand keine Angst mehr vor ihm. Sie fixierte ihn und er hörte schließlich auf sich zu bewegen. Seine Mundwinkel fielen herab und ein wahnsinniger, ängstlicher Ausdruck kroch in sein Gesicht. Zu Recht wie sie fand. Sie wollte ihm genau solche Angst machen, wie er ihr gemacht hatte. Sie nahm einen Schritt auf ihn zu, während sie die Pistole auf seine Stirn gerichtet hatte. Ihr Zeigefinger umschloss den Abzug. „Gib mir die Kette zurück.“ Der Mann zuckte als sie ihn ansprach. In einiger Entfernung hinter ihm krümmte sich Damon weiterhin am Boden, achtete jedoch auf die Beiden.

Ohne weiter zu überlegen drückte Liz ab. Die Kugel rauschte aus dem Lauf. Mit einer raschen Bewegung lenkte sie sie so, dass die Kugel knapp das Ohr des Mannes streifte und es zu bluten begann. Die Straße war totenstill. „Gib sie mir zurück.“ Liz war sich sicher, dass irgendetwas Besonderes an dieser Kette sein musste, dass Damon sie unbedingt haben wollte. Ganz abgesehen von den Umständen, unter denen sie sie gefunden hatte. Der Mann vor ihr war vollkommen regungslos. Seine Arme sackten hinab und das Messer glitt ihm aus der Hand. Klirrend prallte es auf dem Asphalt auf.

Liz genoss den Anblick. Wie er sich fürchtete, wo er sie doch selbst eben noch bedroht hatte.

Erneut knallte es durch die dunkle Nacht, als sie ein zweites Mal den Auslöser betätigte. Der zweite Schuss ging kurz neben seinen Füßen in den Boden und brach ein Stück Asphalt heraus. Dann folgte der dritte, der vierte, der fünfte, der sechste Schuss. Allesamt knapp an seinen Füßen vorbei in den Boden.

Polizeisirenen erschallten in der Ferne. Die Knie des Mannes gaben unter dem andauernden Zittern nach. Nun kniete er vor ihr. Unfähig sich zu rühren vor Angst. Liz ging weiter auf ihn zu, bis sie direkt vor ihm stand. Sie hob die Pistole an seine Stirn. Ihre Augen wurden glasig. Für einen kurzen Moment interessierte sie die Kette nicht mehr. In dem Mann vereinigte sie all ihren Hass auf die Welt.

Die Sirenen kamen immer näher. Sie würden schon bald bei ihnen sein. Damon regte sich nun mehr und stemmte sich auf seine Beine. „Mist“ murmelte er, blickte in die Richtung, aus der die Sirenen kamen und betrachtete sein durchlöchertes, blutverschmiertes Hemd. Liz richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Mann vor ihr. Aus den Augenwinkeln spürte sie Damons Blick.

Es klickte. Der Mann vor ihr zuckte wimmernd zusammen, doch der Schuss blieb aus. Es war keine Kugel mehr im Lauf gewesen. Seine Augen weiteten sich ins Unermessliche. Die Kette entglitt seiner Hand und klackerte auf dem Boden. Liz ließ die Waffe sinken und griff nach der Kette. Die Pistole legte sie vor dem erstarrten Mann ab und ging hinüber zu Damon um ihn zu stützen. Sie sah, wie sein Gesicht sich erneut in die menschliche Form zurückverwandelte. Sie wollte seinen Arm packen um ihn zu halten, doch er entzog sich ihr und ging den nahenden Polizeiwagen entgegen.

Scheinwerfer blendeten Liz, als sie ihm hinterherblickte, wie er aufrecht und ohne einen Kratzer zu der Polizistin ging, die aus dem ersten Wagen ausgestiegen war.

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7 Kapitel 7: Vergessen am Do März 29, 2012 11:34 am

Kapitel 7: Vergessen

Dutzende Polizisten wuselten um Liz herum, während ihr eine Decke umgelegt und sie untersucht wurde. Sie hatten ihr eine Salbe auf die Halswunde geschmiert und ein großes Pflaster draufgeklebt.

Sie blickte umher. Die Polizeichefin Mrs. Forbes, Carolines Mum, hatte mit ihren Kollegen den verbliebenen, völlig verstörten Verbrecher festgenommen und noch im Polizeiwagen verhört. Doch dieser war so von Sinnen, dass er kaum einen klaren Satz herausbrachte. Er hatte nur immer wieder auf Damon und Liz gedeutet und gezittert. Sie protokollierten deswegen nur Damons und Liz Aussagen. Liz hatte während ihrer Aussage so getan, als ob sie ebenfalls völlig verstört wäre und deswegen nicht als aussagekräftige Zeugen gelten könnte. Damon hatte Mrs. Forbes anscheinend eine glaubwürdige Geschichte zusammengedichtet. Die Drei hatten Liz überfallen wollen und bedroht, Damon war dazwischen gegangen, seine Komplizen hatten sich aus dem Staub gemacht und der übrig gebliebene Verbrecher war so verstört, dass einer seiner Kumpels wild in der Gegend rumgeballert hatte, dass er nun so war. Mrs. Forbes hatte sofort eine Fahndung nach den Entflohenen gestartet und von Damon eine Personenbeschreibung entgegengenommen.

Liz entdeckte ihn, wie einer der Notärztinnen ihn wegen der riesigen Blutflecke genauer untersuchen wollte, doch er meinte nur, dass das das Blut von einem der Verbrecher sei, nicht seins. Sie war wohl mehr daran interessiert, dass er sein Hemd auszog, als an den tatsächlichen Wunden. Er schenkte ihr ein unwiderstehliches Lächeln, schickte sie jedoch nach einigen Minuten fort, als er bemerkte, dass Liz auf ihn zukam.

Liz wickelte sich enger in ihre Decke ein und blieb vor ihm stehen. Sie betrachtete ihn einen Moment. Sah in seine eiskalten Augen, die zeigten, dass er nicht ganz sicher war, was sie von ihm wollte.

Sie zerrte ihre Hand, die sie immer noch zu einer Faust geballt hatte, aus dem Deckenknäul und hielt sie Damon hin. Sie zögerte, dann griff sie nach seiner Hand. Ein Schock durchfuhr ihren Arm. Seine Haut war eiskalt. Sie zog sie unter ihre Hand und drehte die Handfläche nach oben.
Dann ließ sie das kleine silberne Medaillon in seine offene Hand fallen. Er folgte der Kette, wie sie aus ihrer in seine Hand glitt und schaute sie dann mit einem gleichzeitig fragenden, studierenden und rätselnden Blick an. „Hier. Das gehört dir“ sagte Liz. Sie zog ihre Hand wieder unter die Decke und wickelte sie fest um sich. Mit einem Kopfnicken deutete sie auf die Kette. „Sie scheint dir wirklich viel zu bedeuten.“ Er betrachtete die Kette und schien über Etwas nachzudenken. Beide schwiegen.

Liz betrachtete ihn von Kopf bis Fuß, dann setzte sie wieder an: „Was ist da vorhin passiert?“ Damon schaute auf. Blickte ihr mit seinen eisblauen Augen direkt in ihre. Liz grummelte. Wollte er jetzt wieder so tun als ob er nichts wusste? Sie funkelte ihn böse an. „Weißt du ich bin nicht blöd. Ich hab gesehen was mit deinem Gesicht passiert ist. Du hast diesen Mann einfach so durch die Luft geschleudert. Du wurdest angeschossen und deine Wunden…“ sie zerrte an seinem Hemd und die Stellen, wo er ursprünglich angeschossen wurde, wurden sichtbar, „sind einfach so verheilt. Unglaublich schnell.“ Sie redete sich in Rage, versuchte jedoch noch leise genug zu sein, um die Aufmerksamkeit der Polizisten nicht zu erregen. Was auch immer sein Geheimnis war, es musste ja nicht sofort die ganze Stadt davon erfahren. Sie beruhigte sich ein wenig und holte Luft. „Was bist du?“ Damon antwortete nicht. Er stand ohne ein Wort auf und griff nach ihrem Arm. Ausgerechnet nach dem mit der Bisswunde. Erneut riss sie auf und Liz zuckte vor Schmerz zusammen. Damon zog sie unbemerkt hinter eine Häuserecke. Dort drehte er sich zu ihr um. Liz, die froh war ihren Arm wieder zu haben, schob ihren Ärmel hoch und wickelte den Verband ab. Vor ihm musste sie es nicht mehr verbergen. Er gehörte offensichtlich auch zu einem dieser seltsamen Wesen. Er beobachtete, wie sie den Verband vorsichtig abwickelte. Durch das neue Blut hatten sich die Fasern mit dem Fleisch der Wunde verbunden und nun musste sie eben diese wieder aus dem Fleisch ziehen. Es brannte wie Feuer. Sie biss die Zähne zusammen und zog den Verband mit einem schnellen Ruck ab. Frisches Blut quoll aus den Wunden. So oft, wie sie aufgerissen worden waren, würden wohl Narben zurückbleiben. Aber so Etwas war ihr nicht so wichtig. „Stefan hat mir davon erzählt“ sagte Damon und griff ohne zu fragen nach ihrem Arm und betastete die Haut um die Wunden. Liz zuckte bei jeder Berührung zusammen, doch mit der Zeit empfand sie die kühle Haut als lindernd. Sie betäubte die Schmerzen. „Weißt du was es war?“ fragte Liz, doch Damon antwortete nicht auf ihre Frage. Er ließ ihren Arm los und sie hob ihren Kopf, sodass sie ihm direkt in die Augen blickte. Sein Gesicht war erneut blass weiß und um seine Augen formten sich die schwarzen Flächen. Seine Mundwinkel zuckten und er unterdrückte offenbar ein Knurren. Sein Körper war wie elektrisiert. Er versuchte sich offensichtlich zu beherrschen Etwas nicht zu tun. Aber was? Sein Gesicht wechselte immer wieder. Sein Blick wanderte zu ihrem blutenden Arm, dann zu ihrem Gesicht. Er kam näher und seine Augen wurden Eisblau. Die Pupillen wurden stecknadelkopfgroß und zogen sie in ihren Bann. Es war wieder wie an der Bar. Ihr Geist war vollkommen leer. Wartete auf die Erlösung, wenn er zu ihr sprechen würde.

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